Ich kann es einfach nicht...

Es gibt diese Situationen auf Reisen in fernen, exotischen Ländern, da würde man am liebsten schnell die Kamera zücken und eine spannende Szene aus dem Alltagsleben der Einheimischen fotografieren und zieht dann frustriert von dannen, ohne auch nur ein Foto gemacht zu haben. Jedenfalls kenne ich diese Situationen, denn ich habe sie erlebt, viele Male und immer wieder. Wenn ich mich mal traute die Kamera zu zücken, dann wurde ich oft mit bösen Blicken gestraft und habe die Fotos, von meinem schlechten Gewissen erniedrigt, wieder gelöscht. Aber es gibt sie, diese Portraits von stolzen Menschen aus den fernen exotischen Ländern – nur nicht auf meiner Festplatte und beinahe hätte ich mich damit abgefunden, dass ich es einfach nicht kann.

 

Es war an der Zeit eine neue Fernreise zu planen und nach einigem hin und her fiel die Entscheidung auf eines dieser fernen, exotischen Länder, die man nicht mal eben mit dem Fahrrad erreichen kann – zugegebenermaßen ist es für mich schon eine Herausforderung den nächstgelegenen Bäcker mit dem Fahrrad zu erreichen. Die Wahl fiel auf das Reiseziel Grenada, eine Insel der kleinen Antillen und ein karibisches Paradies, welches mit großer Sicherheit unzählige interessante Fotomotive bereithält.

Einige Tage vor Antritt der Reise ergab es sich, dass Michael Martin mit einem seiner legendären Dia-Vorträge in Hamburg gastierte. Seinen Vortrag „Die Wüsten der Erde“ hatte ich in den vergangenen Jahren unzählige Male gesehen und genossen. Dieses Mal sollte ein neuer Vortrag einen Einblick in „30 Jahre Abenteuer“ liefern, die der Münchner Fotograf auf seinen spektakulären Reisen erlebte. Michael Martin ist für seine herausragenden Landschaftsfotos von den Wüsten dieser Erde bekannt und dokumentiert darüber hinaus das Leben der Menschen in den abgelegenen Gegenden. Sein Portfolio umfasst somit auch eine Reihe außergewöhnlicher Portraits von den Menschen dieser uns fremden Kulturen. Und so stand ich mit meiner Eintrittskarte vor dem Eingang der Laeiszhalle und wartete gespannt auf das bevorstehende Nachmittagsprogramm. Während des Vortrags erklärte Michael Martin unter anderem wie seine Portraits zustande kamen und so lernte ich, dass neben Geduld vor allem Vertrauen erforderlich ist – dies bedeutet zuallererst das Interesse für die Menschen und ihr Leben zu bekunden und nicht mit der Kamera ins Haus zu fallen. In vielen Fällen wird sich dann die Möglichkeit für Portraits und Dokumentationen des Alltagslebens von ganz allein ergeben. Das klang so einfach, dass es mich beinahe motiviert hätte auf der bevorstehenden Reise einen erneuten Anlauf zu wagen – nur wie, wie sollte man mit den Einheimischen in Kontakt treten und ihr Vertrauen gewinnen?

Wie erhofft, wartete Grenada mit einer Vielzahl eindrucksvoller Motive auf und mit jedem Tag wurde man ein Stück vertrauter mit Land und Leute. Ich verschwendete keinen Gedanken mehr daran einen neuen Versuch zu wagen die Einheimischen in typischen Alltagssituationen zu dokumentieren, immerhin gab es ja auch andere Motive wie Meeresschildkröten, Kolibris, Muskatnüsse und karibische Palmenlandschaften, wie man sie aus der Werbung für alkoholische Getränke und Anti-Faltencremes kennt.

Als wir eines Morgens mit dem Auto auf dem Weg an die Westküste der Insel unterwegs waren, standen an einer kleinen Bucht acht muskulöse Männer am Straßenrand und zogen im Gleichtakt an einem armdicken Tau, welches im trüben Wasser der Bucht verschwand. Ungefähr einhundert Meter entfernt standen weitere neun Männer und zogen ihrerseits im Gleichtakt am vermeintlich anderen Ende des Taus. Meine Neugierde war geweckt und das Auto wurde am Straßenrand geparkt.

Es war offensichtlich, dass es sich bei den Männern um Fischer handelte, die ein großes Schleppnetz an Land zogen. Ich zählte eins und eins zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei der Dicke des Taus um einen kapitalen Fang von Großfischen mit einer Länge von mindestens vier Metern handeln musste. Ich malte mir aus, wie ich mit meiner Kamera Zeuge des Anlandens von mächtigen Thunfischen oder sogar mir völlig unbekannten Meereskreaturen werden würde. Natürlich würden die muskulösen Fischer mit ihrem Fang viele Stunden erbittert ringen müssen, bevor sie ihn stolzen Hauptes zu Markte tragen können, dafür sprachen ja schließlich die großen Messer, die einige von ihnen an einem Strick um die Hüfte gebunden trugen. Nun saß ich da mit meiner Kamera und konnte es einfach nicht – wie so viele Male zuvor traute ich mich nicht, stumpf mit meiner Kamera auf diese so spannende und vielverheißende Szenerie zu halten und abzudrücken.

Was sagte Michael Martin doch gleich noch zwei Wochen zuvor, während seines Vortrages – Vertrauen gewinnen, nicht mit der Kamera ins Haus fallen, Interesse an den Menschen und ihrem Leben bekunden. Und wie? Das hatte er nicht gesagt - wahrscheinlich weil es kein „und wie?“ gibt, wahrscheinlich weil jede Situation ihr eigenes „wie“ erfordert. In der Zwischenzeit hatten die Fischer ihrerseits Interesse an diesem mit Selbstzweifeln überhäuftem Elend gefunden und winkten mich herüber. Ich zögerte kurz unsicher und machte mich dann auf dem Weg zu einer der Seiten des Taus, reihte mich schmalbrüstig zwischen die Muskelpakte ein und zog kräftig – das heißt, ich erschrak kräftig über den enormen Widerstand, den das Tau bot. Ich zählte schnell erneut eins und eins zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass sich ein Pottwal im Netz befand. Meine Hände wirkten wie die Händchen eines Neugeborenen im Vergleich zu den kräftigen Pranken der Fischer und ich hatte Mühe das nasse, stählerne Tau vollständig zu umfassen. Mein erbärmlicher Beitrag am Einholen des Pottwals war nicht mehr als eine gut gemeinte Geste und viel zu früh ging mir die Puste aus, was meine neuen Fischerkollegen entsprechend erheiterte. Das Netz war mittlerweile schon so weit eingeholt, dass es sich dicht vor dem steinigen Strand befand und einige der Fischer sprangen bereits ins Wasser um den Pottwal in den Schwitzkasten zu nehmen. Das war der Moment in dem ich mich endlich wieder nützlich machen konnte – die Fischer hatten meine Qualitäten erkannt und übergaben mir einer nach dem anderen ihre Handys, auf die ich während des Ringkampfes mit dem Pottwal aufpassen sollte. Nun war auch der Moment gekommen, in dem ich ihr Vertrauen gewonnen hatte und das Treiben mit meiner Kamera festhalten konnte.

Der Pottwal war noch unter Wasser aber schon bald würde ich Zeuge eines einzigartigen Spektakels werden und vermutlich die Fotos meines Lebens schießen. Was mich nun allerdings am Schießen der Fotos hinderte, war eine Blase von der Größe eines halbierten Tischtennisballs in meiner rechten Handfläche, die obendrein schmerzte, als hätte ich den Pottwal höchstpersönlich in den Schwitzkasten genommen. Doch ich hatte keine Zeit zum Jammern, denn die Fischer wurden hektischer und sprangen ins Wasser um den Fang zu bändigen. Ich malte mir aus wie der Pottwal an der Schwanzflosse oder am Unterkiefer aus dem Wasser gezogen werden würde.


Was mit dem riesigen Netz dann tatsächlich aus dem Wasser gezogen wurde, erstaunte mich aber noch viel mehr, denn es waren lediglich zwei, vielleicht auch drei Eimer voll mit kleinen, maximal sieben Zentimeter langen, silbernen Fischchen. Mit höchstem Respekt vor dieser schweißtreibenden Arbeit, einer dicken Blase und vielen, für mich besonderen Fotos verabschiedete ich mich von den fröhlichen Fischern und flüsterte Michael Martin im Gehen leise ein Dankeschön zu.

Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Christian Schulz (Mittwoch, 03 September 2014 08:24)

    Hi Olly
    Abgesehen davon, dass ich Deinen Schreibstil sehr schätze und schon deshalb Deine Texte verschlinge ... das von Dir beschriebene Gefühl kenne ich gut. Und leider muss ich sagen, dass ich bei vielen Fotos aus dem Bereich "Street" unserer Kollegen arge Bedenken habe, was die Wahrung von Persönlichkeitsrechten betrifft.
    Allzu oft habe ich verschämt meinen Finger wieder vom Auslöser genommen. Den Alltag zu dokumentieren, egal wo auf der Welt, ist eine Gratwanderung, die bei weitem nicht jedem gelingt. Freue mich auf Deinen nächsten Beitrag.
    VG
    Christian

  • #2

    Andrea Richey (Mittwoch, 03 September 2014 09:12)

    ...wieder Mal eine tolle Geschichte die einen schmunzelnd in den Tag starten lässt!! :-)
    Ich habe auch einen Faible für Reisevorträge, wann immer hier einer von seiner Reise erzählt und sein Bildmaterial präsentiert bin ich dabei! So sehe ich wenigstens ein bisschen was von den ganz fernen Ländern! ;-)

  • #3

    Sarah (Donnerstag, 04 September 2014 23:30)

    Geschichten aus dem Leben eines Fotografen schreiben kannst du.

  • #4

    Antje (Donnerstag, 23 Oktober 2014 22:18)

    Hallo Oliver,

    bin über Deinen Grönlandbericht und die sehenswerten Fotos hier gelandet - zum Totlachen Dein Schreibstil.

    Zum Thema Menschen und/oder Alltagsituationen fotografieren empfehle ich Dir Usbekistan. Das Land ist so mittelexotisch, die Menschen sehr freundlich und das Beste, viele wollen gern fotografiert werden und sind stolz, dass man sich für sie interessiert. Oft wird man als Europäer auch gebeten, ein Foto der Einheimischen aufzuhübschen ;-). Und auch sonst gibts dort viel zu sehen, falls Du Fragen hast...frag.

    Gruß Antje

  • #5

    oliver-agit (Donnerstag, 23 Oktober 2014 22:23)

    Hallo Antje, vielen Dank für das nette Feedback! Usbekistan. klingt interessant! Gerne mehr Details! Danke, Olly

  • #6

    Susanne Jupe (Samstag, 01 November 2014 20:59)

    Ich werde mich nun auch hier durch deine Beiträge und Geschichten lesen.. es macht einfach richtig viel Spaß:))

    Nette Grüße aus Castrop-Rauxel

    Susanne :)