Der Schreck

Die Reifen quietschen, rasant biege ich mit dem klapperigen Pickup auf die kurvenreiche Küstenstraße in Richtung Le Morne Halbinsel ab. Der Horizont färbt sich bereits blutrot bei meiner immer verzweifelter werdenden Suche nach einem passenden Fotospot.

 

„Verdammt! Wieder kein interessanter Spot“, fluche ich hinter jeder Kurve. Wenn man den ganzen Tag an Mauritius Stränden vertrödelt und planlos viel zu spät aufbricht, dann läuft einem die Zeit davon. Ein Auge fixiert die schmale Straße, das andere schielt in Richtung des immer intensiver werdenden Sonnenunterganges – mein Spiegelbild im Rückspiegel ähnelt Heidi, dem schielenden Opossum. Kurve um Kurve lenke ich den in die Jahre gekommenen Pickup, der von seinem Vermieter liebevoll Planierraupe genannt wird, der rotglühenden Sonne entgegen. Wenn nicht gleich ein idyllischer Spot auftaucht verpasse ich die vielleicht einzige Chance auf stimmungsvolle Sonnenuntergangsfotos während meines Aufenthalts auf der Maskarenen-Insel.

Vor mir liegt die nächste Kurve und ich hoffe angespannt, dass dahinter endlich der ersehnte Fotospot auftaucht. Es bleiben vielleicht noch wenige Minuten, vielleicht auch nur Sekunden, denn es schieben sich immer mehr Wolken über das Meer und drohen den Himmel bald gänzlich zu bedecken. Wie ein Busfahrer schraube ich die Planierraupe mit dem schwergängigen Lenkrad durch die Kurve. Meine Fahrt wird abrupt verlangsamt. Vor mir zuckelt ein quälend langsam fahrendes und qualmendes Vehikel. Keine Chance zu überholen, keine Chance auf Fotos – innerlich resigniere ich und tröste mich mit der Vorstellung, den Rest des Abends mit reichlich Rum auf der Terrasse zu verbringen.

 

Im Schritttempo schleichen Planierraupe und Dampfmaschine durch die nächste Kurve. Ich verweigere meinen Blick in Richtung Gluthimmel und starre stattdessen stur auf die Straße. Hinter der Kurve schlängelt sich die Straße direkt am Meer entlang und unerwartet breitet sich vor mir ein idyllischer, beinahe kitschiger Sandstrand aus. Draußen auf dem Meer schaukelt ein kleines Boot hinter dem die Sonne im Meer versinkt und das winzige, noch geöffnete

Wolkenfenster in intensiven Rottönen erstrahlen lässt. Plötzlich bin ich wieder hellwach, werfe den Anker und springe in hohem Bogen aus der Planierraupe.

Jetzt muss alles ganz schnell gehen, bloß keine weitere Zeit vertrödeln. Auf der Suche nach dem idealen Standpunkt sprinte ich hektisch an den Strand hinunter. Mein Abstand zum Boot ist zu groß – dichter ran! Ohne groß zu überlegen laufe ich so weit ins Meer hinein, bis mich der Wasserwiederstand abbremst. Die perfekte Szene! Die ersten Fotos sind im Kasten noch bevor ich das erste Mal durchgeatmet habe. Was für ein Glück – zwar ist der Höhepunkt des Farbspektakels verpasst aber ich konnte zumindest noch den Abspann mit meiner Kamera einfangen.

 

Ich stehe bis weit über den Knien im warmen Wasser und schaue noch lange nach dem Ende der Farbsymphonie zufrieden auf das Meer.

 

Es wird Zeit, an den Strand zurückzukehren. Ein prüfender Blick nach unten lässt mich augenblicklich zur Salzsäule erstarren – unmittelbar neben meinen Füßen liegt eine Seeschlange, oder etwas, das ich dafür halte.

Das einzige was ich zuverlässig über Seeschlangen weiß, ist, dass sie ein extrem effizientes Gift produzieren. Nach einem Ausweg suchend schweift mein Blick umher und offenbart unter der kristallklaren Wasseroberfläche unzählig viele Seeigel, die wie Tretmienen den Weg zurück zum Strand säumen. Es grenzt an ein Wunder, es unbeschadet überhaupt bis hierher geschafft zu haben und der Rückweg muss unbedingt angetreten werden, da es jetzt nach Sonnenuntergang sehr schnell dunkel wird. An einem einsamen Strand ohne Flutlichtbeleuchtung, in stockdunkler Finsternis wird es unmöglich sein, an der Schlange vorbei und durch das Mienenfeld zu kommen.

 

Langsam und vorsichtig navigiere ich mich im Rückwärtsgang von der Schlange weg. Der Rückzug verläuft erstaunlich gut und völlig unbeachtet von der Schlange – vermutlich passen behaarte Männerbeine nicht in ihr Beuteschema. Fast beleidigt wende ich mich nun den nächsten Hindernissen zu und schlurfe durch den Sand um bloß nicht auf einen der vielen Seeigel zu treten. Unverletzt aber vor Anspannung völlig erschöpft stehe ich wenige Minuten später am Strand und freue mich auf den wohlverdienten Rum.

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Kommentare: 6
  • #1

    Andrea R. (Freitag, 23 Januar 2015 22:09)

    Köstlich - wie immer ;-)

  • #2

    Klaus Degen (Sonntag, 25 Januar 2015 11:18)

    Eine packende Geschichte.....wann erscheint sie und die anderen Reiseberichte in
    Buchform...??? Ich melde mich schon mal für ein Exemplar an...

  • #3

    Der Reisefotograf (Sonntag, 25 Januar 2015 11:39)

    Mein Gott, du bringst dich ja noch für ein gutes Foto um.....
    .....aber wenn es sich doch lohnt und dabei so gute Bilder bei entstehen.
    Dann ist es diesen Aufwand wert.......

    LG tobias (Der Reisefotograf)

  • #4

    Thomas (Sonntag, 25 Januar 2015 12:39)

    Hi
    wieder einfach nur köstlich
    kurzweilig und spannend geschrieben
    Klasse

    vg
    thomas

  • #5

    Ernst (Sonntag, 25 Januar 2015 14:51)

    wieder mal große Klasse, werde Reiseberichterstatter
    vg Ernst

  • #6

    Jörn (Samstag, 18 Juni 2016 12:48)

    Puh ... Fotografie kann aufregend sein. Manchmal zu aufregend. Was du da erlebt hast, hätte auch anders ausgehen können ...