Schallschluckender Teppich

Schottland ist bei Engländern, Walisern und bei den Schotten selbst ein beliebtes Reiseziel. Das merkt man besonders in den Ferien – nämlich dann, wenn man über mehrere Stunden entnervt von einem Bed & Breakfast zum nächsten zieht.

 

Wir befinden uns im hohen Norden Schottlands. Hier oben soll Schottland noch am ursprünglichsten sein und weit weniger touristisch. Keinerlei invasionsartige Besucherströme, wie man sie an den zahlreichen Naturwundern auf Skye erlebt. Das klingt reizvoll. Mein ausgestrecktes rechtes Bein jagt den silbergrauen Mietvolvo durch die kurvigen Bergstraßen hinein in die schottische Einsamkeit. Eines

unserer zuvor ausgesuchten Ziele ist die Ruine des Ardvreck Castles, das auf einer kleinen Landzunge im Loch Assynt thront. Eingerahmt von einer sanften Hügellandschaft sollten der See und die alte Ruine eine wundervolle Fotokulisse bieten.

Tatsächlich kommen wir nur sehr langsam voran, da die engen und kurvigen Straßen durch die idyllische Landschaft höchste Konzentration und Vorsicht erfordern. Am zweiten Tag nach dem fluchtartigen Verlassen der Isle of Skye erreichen wir am späten Nachmittag den kleinen Hafenort Lochinver. Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung zur Ruine des Ardvreck Castles. Kurz vor dem Ortseingang kommen wir an einem Hinweisschild vorbei, welches den Weg zum Hotel Culag weist. Uns muss in diesem Moment der gleiche Gedanke gekommen sein. Wir witzeln, dass das Hotel mit diesem Namen auch gut irgendwo in Sibirien stehen könnte - Hotel Gulag.

 

Da der kleine Ort mit seinen gerademal rund 640 Einwohnern eine erstaunliche Anzahl an Hotels sowie privaten Unterkünften aufweist und wir uns außerdem im weniger frequentierten Norden befinden, fahren wir entspannt weiter zum Loch Assynt um uns erstmal einen Überblick zu verschaffen. Was für eine grandiose Lage. Wir werden nicht enttäuscht und sind uns sicher hier einige der imposantesten Fotos unserer Rundreise zu machen.

Etwas später am Abend sind wir zurück im Ort und steuern das erste Hotel an, gefolgt vom nächsten ausgebuchten Hotel, einem Bed & Breakfast, dann einem Bed & Breakfast eines Schwagers vom zuvor aufgesuchten aber voll belegten Bed & Breakfast bis wir nach vielen weiteren Versuchen vor einem großen düsteren Hotel mit einem uns bereits bekannten Namen stehen - Hotel Culag. Was die äußere Erscheinung angeht bin ich mir sicher, dass ich dieses Hotel, würde es irgendwo fernab in einem Wald stehen, niemals betreten würde. Doch hier unten im kleinen Hafen, wo unsere Schreie zumindest noch von einem Fischer oder Hafenarbeiter erhört werden könnten, wagen wir uns ins Innere des mächtigen Baus.

 

Wir stemmen die große schwere Eingangstür auf, die wie die Tür zum Hintereingang eines dubiosen Gangsterverstecks anmutet und stehen alsbald in einem Empfangsraum mit einer Deckenhöhe einer Kathedrale. Der Fußboden wird unter einem dicken schweren Teppichbelag versteckt, der jeglichen Schall zuverlässig schluckt. Kein Fischer, kein Hafenarbeiter wird je unsere Schreie hören. Am Treppenaufgang befindet sich eine kleine Öffnung in der Wand, hinter der sich die unbesetzte Rezeption befindet. Nur zaghaft betätigen wir die Tischglocke der Rezeption als wollen wir vermeiden Graf Dracula höchst persönlich zu wecken. Unser Schellen bleibt scheinbar ungehört und so betätigen wir die Tischglocke erneut – dieses Mal etwas energischer. Nach einer gefühlten Zigarettenlänge betritt Miss Marple mit wackeligen Schritten die kleine Rezeption und begrüßt uns freundlich lächelnd. An keinem Ort der Welt passt die nette alte Dame besser als an diesem. Sollte es nicht purer Zufall sein, dann scheint der Besitzer des Hotels etwas von Marketing zu verstehen. Miss Marple verpasst dem maroden Hotel den Charme eines Tatorts aus einem Agatha Christie Krimi.  Wie es der Zufall, oder das äußere Erscheinungsbild des Hotels, so will, gibt es noch reichlich freie Zimmer.

Schelmisch lächelnd werden uns zwei Schlüssel überreicht und der Weg zu den Zimmern gewiesen. Mir ist mulmig zumute als ich den langen schlanken Schlüssel mit dem aufdringlichen Schlüsselanhänger umständlich in das Schlüsselloch pfriemele. Was mag mich wohl hinter der unansehnlichen Holztür erwarten? Ich bin erleichtert, dass es keine Blutlache ist aber bin trotzdem froh darüber hier nur eine Nacht verbringen zu müssen. Ich betrete einen sehr schmalen und schwindelerregend hohen Raum, der genau wie die Empfangshalle mit einem schweren schallschluckenden Teppich ausgelegt ist. Die Ausstattung datiere ich anhand ihres Zustands auf 1960 zurück was dem Zimmer einen Charme, irgendwo zwischen Armeekaserne und Bahnhofsmission, verleiht. Das Badezimmer ist dank einer nur selten benutzen und damit fast neuwertigen Klobürste deutlich moderner. Für Waschbecken und Badewanne gibt es jeweils zwei Wasserhähne, die Warm- und Kaltwasser getrennt voneinander ausspucken. Das kenne ich noch von früher und lasse, so wie ich es damals lernte, erst etwas kaltes Wasser in die Handmulde laufen und darauf dann etwas Heißes um mir nicht die Hände mit dem heißen Wasser zu verbrühen.

Ich bin bereit für die Nacht und stelle mich auf wenig Schlaf und furchteinflößende Geräusche ein, die man sonst nur aus Alfred Hitchcock Filmen kennt. Entgegen aller Erwartungen schlafe ich in dem 1795 ursprünglich als Räucherhaus errichteten Hotel hervorragend und so gut wie schon lange nicht mehr.

 

Die Tatsache, dass wir alles sehr sauber vorfanden, wir obendrein mit einem erstklassigen Frühstück verwöhnt wurden und das Personal von Ms. Marple bis zur polnischen Bedienung stets zuvorkommend und freundlich war, ließ diese Übernachtung zu einem angenehmen Erlebnis werden.

 

Gesetz dem Fall, dass ich Lochinver eines Tages wieder besuche, dann werde ich das Culag direkt ansteuern und hoffen, dass noch ein Zimmer frei ist.

 

www.culaghotel.co.uk

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Kommentare: 2
  • #1

    De Faustn (Montag, 06 Februar 2017)

    Der Hammer, mega gut geschrieben. Ich kann mir, wie immer bei deinen Geschichten, sehr gut bildlich vorstellen, wie es dort war. Auch kann man aufgrund der vielen Vergleiche immer sehr gut das Gefühl vor Ort nachvollziehen!
    DANKE

  • #2

    Andrea (Mittwoch, 08 Februar 2017 14:41)

    Herrlich! Man hat direkt Kopfkino.... Solche Unterkünfte gibt es bestimmt nur in England.... vielleicht noch in der Eifel ;-))
    LG Andrea