Graupel aus Nordwest

Was mir im Berufsleben ausgesprochen schwer fällt, bereitet mir auf meinen Fototouren keinerlei Schwierigkeiten. Es ist 05:00 Uhr in der Früh, als der Wecker den selbstauferlegten Tagesanbruch ankündigt und mich gutgelaunt und munter in das Badezimmer sprinten lässt. Den Tag mit so viel Leichtigkeit zu beginnen scheint ein Indiz dafür zu sein, dass ich kein Büromensch sondern ein echter Naturbursche bin. Kurze Zeit später sitzen wir im Auto und sind auf dem Weg zum ersten Fotospot des Tages – dem Old Man of Storr.

 

Je weiter wir uns dem Ziel nähern, desto mehr verdunkeln allerdings die tiefhängenden Wolken unsere Mienen. Denn eigentlich sollte am Horizont bereits die markante 48 Meter messende Felsnadel am Hang des bis zu 719 Meter aufragenden Felsgrats „The Storr“ zu erkennen sein. Tatsächlich aber ist die schroffe Felsformation fein säuberlich in dunkle Wolken eingehüllt.

Das typisch schottische Wetter scheint unseren Plan, den Old Man im warmen Morgenlicht abzulichten, zu durchkreuzen. Da es nicht regnet entscheiden wir uns trotzdem für den Aufstieg zum vermutlich beliebtesten Fotospot Schottlands. Mit etwas Glück treibt der stramme Wind die Wolken zwischenzeitlich weiter und öffnet somit den Blick auf die spektakuläre Szenerie. Bei dem schweißtreibenden, 50-minütigen Aufstieg fühle mich 10 Jahre zurückversetzt. Damals, bei meinem ersten Besuch, bot sich mir ein ähnliches Bild und zu allem Überfluss wurde ich auf dem Rückweg von einem heftigen Regenschauer überrascht ohne auch nur ein brauchbares Foto geschossen zu haben. Zwar ist die Wanderung nicht sonderlich anspruchsvoll aber dafür geht es unentwegt steil bergauf, so dass die eine oder andere Verschnaufpause für ein paar dokumentarische Fotos genutzt wird.

 

Langsam nähern wir uns dem Old Man, der noch immer von einer hartnäckigen Wolke umhüllt ist. Die leicht durchschimmernden Konturen des Felsens lassen Hoffnung auf ein paar gute Fotos in uns aufkeimen. Die Belohnung für den atemraubenden Aufstieg folgt auf dem Fuße, als sich die Wolke urplötzlich von der spitzen Felsnadel losreißt und einen atemberaubenden Blick freigibt. Und es soll noch besser kommen, als sich wenig später ein paar Sonnenstrahlen den Weg durch ein enges Wolkenloch bahnen. Augenblicklich erstrahlt die Landschaft in einem einzigartigen Licht und lässt uns über das Wetter triumphieren. Zehn Minuten hält unser Triumph an bis ein derart heftiger Regenschauer einsetzt, so dass wir in nur fünf Minuten trotz regenfester Kleidung völlig durchnässt sind. Zum waagerecht über den Berg peitschenden Regen kommt ein eisiger Wind, wie man ihn Ende Juni nicht erwarten würde. Ein paar Handschuhe wären jetzt ganz nett und ein Schal vielleicht. Kleine Graupelkörner massieren Wange und Stirn und überhaupt alles, was gerade nicht von schützendem Stoff bedeckt ist. Durchblutungsfödernd irgendwie – aber keineswegs schön. Unsere Kameras schnell in Sicherheit gebracht, beginnen wir, im anhaltenden Regen, vorsichtig unseren Abstieg auf dem nun rutschigen Trampelpfad.

 

Klitschnass und durchgefroren sehne ich mich nach meinem warmen Büro und sende dem Naturburschen gedanklich ein Kündigungsschreiben zu.

 

Wenigstens habe ich dieses Mal brauchbare Fotos auf dem Chip gebannt.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Andrea (Donnerstag, 28 September 2017 11:37)

    Ich verreise gerne mit dir in deinen Geschichten :-)
    'nen lieben Gruß Andrea