Reisebericht Island - Westen, Süden und Südosten - März 2014

Montag 03.03.2014

 

You are lucky Guys

Es ist bereits 22:45 Uhr als Ralf und ich auf Islands internationalem Flughafen Keflavik vor dem Schalter der Autovermietung treten und von einem freundlichen Mitarbeiter mit den Worten „You are lucky Guys“ empfangen werden. Natürlich sind wir lucky Guys, denke ich, denn immerhin haben wir eine Woche Fotourlaub vor uns und werden in dieser Zeit die schönsten Foto-Spots des Westens, des Südens und des Südostens bis hin zum beschaulichen Örtchen Höfn erkunden.

Was der freundliche Mitarbeiter der Autovermietung eigentlich meinte, war „Da habt ihr mal schön Pech gehabt. Wir hatten hier seit Wochen keinen einzigen Tropfen Regen und ungewöhnlich schönes Wetter mit klaren Nächten und grellen Nordlichtern, die die Hähne in den Nachtstunden zum Krähen brachten, aber das ist jetzt vorbei - jetzt werdet ihr Festländer mal erleben was Unwetter auf Isländisch heißt.“ Damit schüchtert der uns nicht ein, immerhin reisen wir im März nach Island und wissen worauf wir uns einlassen – glauben wir.

 

Als wir das Flughafengebäude verlassen platscht ein einzelner, scheinbar verirrter Regentropfen auf meine Nasenspitze und hinterlässt feine Wasserspritzer auf meinen Brillengläsern. „Pahh, das soll das böse isländische Unwetter sein“ verhöhne ich die Wassertröpfchen auf meiner Brille. Wir steigen in den angemieteten Geländewagen und sind 10 Minuten später in Reykjanesbær an unserer Unterkunft für die erste Nacht angelangt. Auf dem kurzen Weg vom Auto bis zum Eingang des Bed & Breakfast sind wir vom mittlerweile heftigen Regen nahezu durchgeweicht und ernten mitleidige Blicke des Rezeptionsmitarbeiters.


Dienstag 04.03.2014

Es ist erst 06:30 Uhr als wir noch vor dem Wecker wach werden, weil uns die Vorfreude den Schlaf raubt. Ralf steht am Fenster, blickt nach draußen in die von Straßenlaternen durchflutete Dunkelheit und bestaunt die 10 Zentimeter Neuschnee, die uns der neue Tag beschert hat.

Heute planen wir, mit einem kleinen Umweg von knapp 200 Kilometern, auf die, in Westisland liegende Snæfellsnes-Halbinsel nach Grundarfjörður zu reisen. Der Umweg soll uns vorher noch an den Sehenswürdigkeiten Þingvellir, dem Geysir Strokkur und dem Gullfoss-Wasserfall vorbeiführen. Mit dem eingeplanten Umweg macht dies eine Strecke von circa 420 Kilometer, für die wir den gesamten Tag eingeplant haben.

 

Um 08:15 Uhr treten wir aus dem Bed & Breakfast und freuen uns über den aufklarenden Himmel bei Temperaturen um den Gefrierpunkt – „da geht dem Unwetter also schon die Puste aus“ lästern wir abfällig. Auf der gut 40 Kilometer langen Fahrt zwischen Reykjanesbær und Reykjavik sehen wir, wie sich vom Meer aus eine mächtige, graue Wand ins Landesinnere schiebt - noch unbeeindruckt setzen wir unsere Fahrt ins Abenteuer fort.

In Mosfellsbær biegen wir von der Ringstraße auf die Straße 36 in Richtung  Þingvellir ab. Nach wenigen Kilometern liegt vor uns eine gänzlich weiße Schneelandschaft. Der Schnee bedeckt die angrenzenden Felder sowie die gesamte Straße. Heftiges Schneetreiben setzt ein. Es scheint zwar keine Sonne aber die weiße Landschaft zwingt uns unweigerlich die Augen zu kleinen Sehschlitzen zusammenzukneifen. Ralf meint nervös blinzelnd, dass eine Sonnenbrille jetzt eine tolle Sache wäre. Vom Abzweig in Mosfellsbær bis zum Besucherzentrum Þingvellir sind es gerade mal 30 Kilometer, die uns aber aufgrund des Schneetreibens und der stark eingeschränkten Sicht elendig lang vorkommen.

Wir stoppen am Besucherzentrum, welches direkt an einer Grabenbruchzone liegt, in der die eurasische und die nordamerikanische Kontinentalplatte auseinanderdriften und Island so Jahr für Jahr um bis zu 2 Zentimeter wachsen lassen. Greifbarer als an diesem Ort kann Plattentektonik kaum sein. Neben einer Aussichtsplattform, von der aus man einen sehr guten Blick auf die Bruchkante hat – vorausgesetzt die Sicht wird nicht durch dichtes Schneetreiben eingeschränkt – gibt es auch einen kurzen Wanderweg entlang selbiger.

Aufgrund des zunehmenden Schneetreibens entschließen wir uns schweren Herzens die geplante Route bis zum Geysir Strokkur und dem Gullfoss-Wasserfall zu streichen und auf direktem Weg die noch verbleibenden 190 Kilometer zu unserer Unterkunft in Grundarfjörður zu fahren. Auf der Fahrt verdunkeln sich unsere Mienen proportional zum Himmel und auch das Schneetreiben scheint mit jedem Kilometer an Heftigkeit zuzunehmen. Nach den ersten 200 Fahrkilometern stellen wir fest, dass Island eine verblüffende Ähnlichkeit mit der ostfriesischen Nationalflagge hat, welche einen weißen Adler auf weißem Grund zeigt. Abgesehen von den gelben Straßenmarkierungen, nehmen wir nur schemenhafte Konturen im ansonsten eintönigen Weiß wahr – vielleicht würde eine Sonnenbrille jetzt helfen. Wir malen uns die dunkelsten Szenarien aus – die Rede ist von sieben Tagen Nebel, Schnee, Dauerregen, Blitzeis, Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Sandstürmen, Tornados, Dürre und zwar alles zur gleichen Zeit und ohne auch nur ein Foto gemacht zu haben. Wir verfluchen jetzt bereits die Reise jemals angetreten zu haben – Island im März – wie konnten wir nur!

 

Ich überlege noch wie ich Ralf die Schuld für dieses Desaster zuschieben kann, als sich am Himmel plötzlich erste Konturen zeigen. Wir sind derweil auf der Snæfellsnes-Halbinsel angekommen und überqueren einen Bergpass, der uns auf die Nordseite der Halbinsel führen soll. Auf dem höchsten Punkt des Bergpasses bricht die Sonne durch die Wolken und wir triumphieren über unseren Sieg gegen das kümmerliche Unwetter.

Ich werde hektisch, denn ich möchte unbedingt Grundarfjörðurs markanten Hausberg Mt. Kirkjufell fotografieren, der schnörkellos schön und pyramidengleich an der Küste thront. Wer weiß schon wieviel Zeit uns noch bleibt bevor sich die Sonne erneut hinter einer dichten Wolkendecke versteckt.

Gemeinsam mit vielen anderen Fotografen, aus allen erdenkbaren Erdteilen, lichten wir den Berg in der Abendsonne und bei Sonnenuntergang ab, bevor wir zurück in unser Quartier fahren.

 

Wir lassen den Tag mit einem Glas Whisky ausklingen und freuen uns über unsere ersten gelungenen Aufnahmen, die wir am Nachmittag noch für unmöglich gehalten hatten. Ein letzter Blick vor unserem Bungalow lässt unsere Fotoleidenschaft dann allerdings erneut aufflammen. Wir haben entgegen aller Voraussagen einen sternenklaren Himmel – sollten wir heute Nacht vielleicht auch noch Polarlichter zu Gesicht bekommen?

Es ist 22:45 Uhr und wir beschließen nun stündlich abwechselnd vor die Tür zu schauen. Während Ralf die erste Wache abhält, liege ich bereits im Bett und in dem Moment, als sich gerade Traum und Wirklichkeit zu vermischen beginnen, hämmert Ralf aufgeregt an die Zimmertür. Da ist etwas, das ich mir mal anschauen sollte. Wir haben beide noch keine Polarlichter gesehen und sind unsicher ob das, was da oben wie ein feiner Wolkenschleier am Himmel hängt, Polarlichter sein könnten. Schnell mache ich eine Testaufnahme und siehe da ein grellgrün flimmerndes Band ist auf dem Foto zu erkennen.

Wir werden hektisch und rennen uns beinahe über den Haufen. Wie lange werden wir wohl Zeit haben – zehn Minuten, eine halbe Stunde oder gar länger? Auf jeden Fall wollen wir uns diese, vielleicht einzige Chance nicht entgehen lassen. Eine passende Kulisse muss her. Der Mt. Kirkjufell? Nein, zu weit weg! Wir müssten gut 15 Minuten fahren und vielleicht sind die Polarlichter dann schon wieder verschwunden.

Kurzerhand beschließen wir Fotos in der Nähe unserer Unterkunft zu machen und bauen uns vor den Gebäuden des Bauernhofes auf. Die Polarlichter haben zwischenzeitlich an Intensität gewonnen und es gibt keinen Zweifel mehr an ihrer Echtheit. Was für ein Schauspiel. Ein Herzinfarkt vor lauter Aufregung wäre jetzt unangebracht – man würde was verpassen. Die Polarlichter geben alles, kaum schwächen sie ab und man glaubt das Schauspiel würde seinem Ende entgegengehen flackern sie erneut auf – vor uns, über uns, neben uns. Wir haben fast eineinhalb Stunden Zeit um die Lichter zu fotografieren bevor sich kurz nach Mitternacht mehr und mehr Wolken ins Bild schieben und somit den Vorhang des ersten Tages schließen.


Mittwoch 05.03.2014

Es ist 07:00 Uhr und wir sind auf dem Weg zum Mt. Kirkjufell um ihn im Morgenlicht bei aufgehender Sonne zu fotografieren. Als wir am Berg ankommen, tummeln sich bereits zahlreiche andere Fotografen an den beliebtesten Fotoplätzen. In der Hoffnung einen schönen Platz zu ergattern stellen wir uns geduldig in zweiter Reihe an. Der Pyramidenberg zählt unter Fotografen zu Recht zu einem der beliebtesten Foto-Spots in Island. Diese Tatsache macht es manchmal nicht ganz einfach ein Foto ohne Fotografen beim Fotografieren des Berges zu schießen. Die Sonne meint es an diesem Morgen gut mit uns und beschert uns herrlichstes Fotolicht, so dass wir zweieinhalb Stunden mit dem Fotografieren verbringen.

Gegen 09:30 Uhr sind wir zurück in unserer Unterkunft und starten den Tag nun offiziell mit einem köstlichen Frühstück. Für heute haben wir die Erkundung der Snæfellsnes-Halbinsel geplant – es soll von Grundarfjörður aus über Ólafsvík und der Westspitze bis nach Arnarstapi gehen. Der Rückweg führt uns dann von Arnarstapi mit Zwischenstopp an der bekannten Kirche in Búðir über einen Bergpass zurück nach Ólafsvík und Grundarfjörður. Soweit der Plan.

Wir werden auf unserer Fahrt abwechselnd von Sonne und Schneegestöber begleitet und genießen, die an eine Kaffeefahrt erinnernde Tour auf den einsamen Straßen durch eine imposante Landschaft. Ein paar Kilometer hinter Hellissandur verlassen wir die Hauptstraße und biegen auf einen unbefestigten Weg ab, der uns durch ein Lavafeld zu einem orangefarbenen Leuchtturm an die Steilküste führt. Ein schöner Spot, an dem wir lange verweilen und ausgiebig fotografieren. Wie am Tag zuvor ist es auch heute ungewöhnlich windstill, wie wir es in Island und vor allem an diesem, dem Atlantik zugewandten, Ort überhaupt nicht erwartet hätten – Unwetter auf Isländisch eben.

Wir sind zurück auf der Hauptstraße in Richtung Arnarstapi als sich über dem Meer erneut eine Schneefront ankündigt. Das Schöne an herannahenden Schlechtwetterfronten ist, dass sie durch ihre dunklen, bedrohlichen Wolken eine wunderbare Kulisse für Landschaftsaufnahmen bieten. Selbst scheinbar unspektakuläre Landschaften erhalten so oftmals eine dramatische Wirkung – wie auch heute. Wir sind fasziniert vom bedrohlichen Himmel und steigern uns in einen regelrechten Fotografierrausch ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die so hübsch bedrohlich ausschauende Schlechtwetterfront ihren Inhalt schon bald hinterlistig über uns ausschütten wird.

In Arnarstapi angekommen unternehmen wir eine kurze Wanderung entlang der Steilküste als uns klar wird, dass wir uns besser auf den Weg nach Búðir machen sollten, wenn wir dort noch vor dem drohenden Schneegestöber eintreffen wollen. Kaum sitzen wir im Auto taucht die Landschaft um uns herum in ein tristes Grau. Es beginnt zu schneien. Das Schneetreiben verstärkt sich von Minute zu Minute und es fällt mir schwer die Orientierung auf der Straße zu behalten.

 

Búðir, unseren letzten geplanten Foto-Spot auf der Halbinselrundtour, haben wir bereits abgeschrieben aber viel mehr sorgen mich die noch vor uns liegenden 55 Kilometer und der Bergpass. Eine gefühlte Ewigkeit ist uns nun schon kein Fahrzeug mehr entgegengekommen, genaugenommen seit dem Einsetzen des Schneetreibens, was meine Sorge noch verstärkt. Die Straße ist vollständig mit bis zu 20 Zentimeter Schnee bedeckt und zwingt mich annähernd Schrittgeschwindigkeit zu fahren, was aber auch schon allein durch das grelle Weiß und die halb zugekniffenen Augen erforderlich wäre – ein Königreich für eine Sonnenbrille.

 

Am Bergpass angekommen verfluche ich Frau Holle bereits auf das heftigste. Aus meinen Kindheitserinnerungen blieb mir bis heute das Bild einer netten alten Omi, die mit ihrer Zahnprothese fröhlich lächelnd die Betten ausschüttelt, während die Kinder überall auf der Welt freudig im Schnee tollen. Schlitzäugig und zähneknirschend nehme ich mir vor Frau Holle einen Brief zu schreiben, in dem ich ihr androhe, der Welt ihr wahres Gesicht zu offenbaren, wenn sie diesem Schneewahnsinn nicht augenblicklich ein Ende setzt – später – jetzt heißt es erst einmal mit voller Konzentration den Weg durch das Schneegestöber über den Bergpass zu bestreiten. Ich bin angespannt und fahre nun schon seit einigen Kilometern im Schritttempo auf der gegenüberliegenden Fahrspur, da meine Fahrspur teilweise durch Schneeverwehungen blockiert ist. Der Verlauf der schneeweißen Straße ist nur noch durch die gelb leuchtenden Markierungspfosten auszumachen, deren Höhe zwischenzeitlich von einem Meter auf zwei Meter angewachsen ist. Sollte die Höhe der Markierungspfosten ein Indikator für die erwartete Schneemenge sein, dann könnte ich im schlimmsten Fall auf dem Autodach stehend, zumindest noch mit dem Oberköper aus dem Schnee ragend, der Welt Lebewohl winken. Ralf versucht mich bei Laune zu halten und verspricht mir einen extra großen und extra fettigen Hamburger als Belohnung wenn wir zurück in Grundarfjörður sind.

 

Zufrieden halte ich gut eine Stunde später einen großen, vor Fett triefenden Hamburger zwischen meinen Händen, der selbst die Jahresproduktion einer texanischen Ölraffinerie in den Schatten stellt. Frau Holle, die offensichtlich ihr Zahnprothesenomi-Image nicht aufs Spiel setzen wollte, hat ebenfalls das Bettenschütteln eingestellt.

Es ist kurz vor dem Dunkelwerden und da es wieder aufgeklart ist, beschließen wir heute Abend das mitgebrachte Zelt aufzubauen. Ein geeigneter Platz ist schnell in der schneebedeckten, idyllischen Winterlandschaft gefunden. Kurze Zeit später ist das rote Zelt aufgebaut und wirkt so fehl am Platz, wie ein entzündeter, roter Pickel auf der Nase eines 16-jährigen Teenagers. Nachdem wir reichlich Fotos vom im Schnee leuchtenden Zelt geschossen haben, bauen wir es wieder ab und fahren zurück zu unserer warm beheizten Unterkunft.

 

Auch diese Nacht hoffen wir noch einmal die Polarlichter fotografieren zu dürfen. Um 21:30 Uhr ist es soweit - heftige grüne Lichter flackern hinter dem dünnen und rissigen Wolkenvorhang. Hektisch springen wir ins Auto und fahren zu unserem neuen Lieblingsmotiv, dem Mt. Kirkjufell, der frisch eingeschneit die perfekte Kulisse bieten soll. Dort angekommen müssen wir leider feststellen, dass Frau Holle die Risse im Vorhang wieder vernäht hat und eine dicke Wolkendecke den Himmel verdeckt. Wie Uwe Seeler 1966 nach der WM Niederlage gegen England, trotten wir frustriert und mit gesenktem Haupt zu unserer Unterkunft zurück. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel und so nehmen wir uns dennoch vor wieder stündlich einen Blick vor die Tür zu werfen.

Es ist 01:30 Uhr, die Blechtüren knallen, der Starter rasselt und wir sitzen erneut aufgeregt im Auto auf dem Weg zum Mt. Kirkufell.Am Ziel angekommen haben wir gut 20 Minuten um die über dem Berg flackernden Nordlichter zu fotografieren. Neben uns ist nur noch ein amerikanisches Pärchen vor Ort, welches direkt nach dem Abebben der kurzen Lichtershow ebenso unauffällig und leise verschwindet wie kurz zuvor die Polarlichter. Wir hingegen bleiben, wollen nicht wahr haben, dass es das für heute Nacht bereits gewesen sein soll. Auch wenn die Polarlichter für den Rest der Nacht entschwunden bleiben, sind wir begeistert von der gewaltigen Sternenpracht über dem Berg und versuchen diese auf unzähligen Fotos zu bannen. Bei totaler Windstille und -6°C harren wir ganze drei Stunden am Berg aus, bis sich der Wolkenvorhang wieder schließt und die Sicht auf den Himmel versperrt. Mit eisigen Füßen und roten Nasen machen wir uns gegen 04:30 Uhr zufrieden auf den Rückweg.


Donnerstag 06.03.2014

Träge und noch müde starten wir gegen 10:00 Uhr bei -2°C und leicht bedecktem Himmel unsere Weiterreise in den Süden. Das geplante Ziel für den Abend ist der Ort Vík í Mýrdal in dem wir unsere nächste Unterkunft beziehen wollen. Wir haben uns kurzfristig dazu entschlossen auf unserer Reise in den Süden erneut den Anlauf zu wagen und einen Umweg zum Geysir Strokkur und dem Gullfoss-Wasserfall zu machen.

Wie auf Kommando schwingt das Wetter fast genau an dem Ort um, an dem wir uns am Dienstag für die Umkehr entschlossen haben. Schneetreiben und bald darauf das erste Auto im Straßengraben. Wir stoppen und erkundigen uns nach dem Wohl der Insassen – nachdem wir erfahren, dass es allen gut geht und man auf einen Abschleppwagen wartet setzen wir unsere Fahrt fort. Im dichten Schneetreiben erreichen wir das große Besucherzentrum mit einem noch größeren Parkplatz vor dem Geothermalgebiet.

Ein paar hundert Meter Fußweg vom Parkplatz entfernt stehen wir vor dem Geysir Strokkur, der im Abstand von 5 bis 10 Minuten eine heiße, bis zu 35 Meter hohe Wassersäule in den Himmel spuckt. In dritter Reihe warten wir mit vielen anderen Schaulustigen auf das große Spektakel – es gluckst, blubbert und Strokkur tut das, was die Heerschar von ihm erwartet. Die aus dem Boden schnellende, graue Fontäne hebt sich vom ebenfalls grauen Himmel nur durch den Geruch nach faulen Eiern ab.

Wir sitzen im Auto um mit halb zuge- kniffenen Augen die restlichen 10 Kilometer bis zum Gullfoss-Wasserfall zurückzulegen – hätte es im Souvenirladen des Besucherzentrums eigentlich Sonnenbrillen gegeben?

Als wir am Wasserfall ankommen hat es aufgehört zu schneien. Mit dem Kameraequipment auf dem Rücken geschnallt geht es los. Ich kannte den Gullfoss, der über zwei Stufen 11 und 21 Meter tief in die Schlucht stürzt, schon von vielen Fotos und so wusste ich, dass er wohl nicht ganz so leicht zu fotografieren sein wird. Die weiße Landschaft, die beim Fotografieren am Mt. Kirkjufell noch dienlich war, erschwert es hier ungemein ein paar ausdrucksstarke Aufnahmen festzuhalten.

Nach gut einer Stunde Aufenthalt setzen wir gegen 17:30 Uhr unsere Fahrt nach Vík í Mýrdal fort und werden von wechselhaftem Wetter mit immer wieder einsetzendem Schneetreiben begleitet. Bis auf einen kurzen Stopp im Halbdunkel am Seljalandsfoss-Wasserfall fahren wir direkt durch bis Vík í Mýrdal, wo wir 20:45 Uhr vom Wetter genervt in unserer Unterkunft ankommen.

 

Diese Nacht werden wir keinen Wecker stellen, denn im Schutz der Dunkelheit schüttelt Frau Holle gerade sämtliche  Betten eines 1.000 Zimmer Hotelkomplexes aus, so dass die Sicht auf den Himmel für den Rest der Nacht versperrt bleibt. Bei einem Tagesabschluss-Whisky müssen wir eingestehen, dass der Umweg über den Geysir Strokkur und dem Gullfoss-Wasserfall bei den gegebenen Bedingungen nicht lohnenswert war.


Freitag 07.03.2014

Pünktlich 07:00 Uhr stehen wir mit unserer Kameraausrüstung am schwarzen Sandstrand von Vík í Mýrdal und blicken auf eine graue Wand – eine graue Wand die neben Schnee die ersten unangenehmen Windböen mitgebracht hat. Angefressen vom „Unwetter auf Isländisch“ und ohne ein nennenswertes Foto geschossen zu haben, stemmen wir uns gegen die Windböen und kämpfen uns durch 20 Zentimeter Neuschnee zurück zum Auto. Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft provoziere ich wütend das amateurhafte Unwetter und gebe ihm zu verstehen, dass es sich schon was anderes einfallen lassen muss, um zwei in Norddeutschland lebende „lucky Guys“ zu beeindrucken. Außerdem befürchte ich, dass Ralf tief gefurchte Stirnfalten zurückbehalten wird, da er mittlerweile seit mehr als 24 Stunden grimmig dreinschaut.

 

Nach dem Frühstück wagen wir uns erneut vor die Tür und fahren als erstes an den schwarzen Sandstrand von Reynisfjara, von welchem aus man einen schönen Blick auf die Reynisdrangar hat. Die Reynisdrangar sind schwarze Basaltfelsnadeln, die  vor der Küste aus dem Meer ragen und ein beliebtes Fotomotiv sind. Genau das bekommen wir an diesem Morgen zu spüren, als wir uns in dem Wald aus Stativbeinen von 20 weiteren Fotografen einreihen. Da es aufgehört hat zu schneien und der Himmel nach und nach aufklart, glätten sich auch Ralfs Stirnfalten und die Welt sieht plötzlich wieder freundlicher aus. Keine halbe Stunde später brennt die Sonne auf unseren Gesichtern, wie an keinem Tag zuvor seit unserer Ankunft auf Island. Mit einem Hauch von Selbstüberschätzung und Überheblichkeit führe ich den schlagartigen Wetterwechsel auf meine verbalen Provokationen gegen das Unwetterchen zurück – es muss letztendlich eingesehen haben, dass uns seine kläglichen Attacken keinen Respekt abzwingen konnten.

 

Wir genießen die wärmenden Sonnenstrahlen und fotografieren stundenlang am Strand von Reynisfjara, bis uns die Idee kommt zum 35 Kilometer entfernten Skogarfoss-Wasserfall zu fahren, der sich bei Sonnenschein mit einem glitzernden Tutu in Form eines Regenbogens schmückt. Kaum sitzen wir im Auto und fahren Richtung Westen zeigt sich am Horizont erneut – eine graue Wand. Am Skogarfoss-Wasserfall angekommen hüllt sich die Landschaft im saisonalen Grau und auf Ralfs Stirn furchen sich, an nordamerikanischen Canyons erinnernde, Runzeln. Zum Beweis hier gewesen zu sein, machen wir ein paar Fotos vom im Schnee gehüllten Wasserfall ohne Tutu.

Auf dem Rückweg nach Vík í Mýrdal werden wir von Schneegestöber begleitet.

 

Heute Nacht hoffen wir erneut auf Polarlichter und so sind wir um 22:30 Uhr, nach dem sich kleine Wolkenlöcher am Himmel zeigten, auf dem Weg zum Strand von Reynisfjara. Kaum dort angekommen erfreuen wir uns an einem zünftigen Schneegestöber. Gegen 01:30 Uhr wagen wir noch einen zweiten Versuch aber brechen auch diesen nach kurzer Zeit, wegen sich erneut zuziehendem Himmel, erfolglos ab.


Samstag 08.03.2014

Pünktlich 07:30 Uhr stehen wir mit unserer Kameraausrüstung am schwarzen Sand- strand von Vík í Mýrdal und blicken auf die Reynisdrangar Basaltfelsnadeln vor der Küste. Bei Temperaturen um den Gefrier- punkt ist es stark windig und hinter den Basaltfelsen zeigt sich ein tiefblauer, düsterer Himmel, der eine neue Schlecht- wetterfront ankündigt. Eine bedrohlich wirkende Szenerie, die aber perfekt für ein paar Langzeitbelichtungen vom tosenden Meer ist.

 

Für den heutigen Tag ist die Weiterfahrt nach Südosten zum 270 Kilometer entfernt gelegenen Örtchen Höfn geplant. Beim Auschecken aus unserer Unterkunft erfahren wir vom Rezeptionspersonal von einer Sturmwarnung mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 20 Metern pro Sekunde und dass Isländer erst ab einem Sturm von 25 Metern pro Sekunde nervös werden. Da ich kein Gefühl für Geschwindigkeitsangaben in „Metern pro Sekunde“ habe, setze mich entspannt auf den Beifahrersitz.

Bevor wir die Fahrt antreten, müssen wir den fast leeren Tank in der örtlichen Tankstelle auffüllen und stellen erschrocken fest, dass diese geschlossen hat. Da in Island nahezu jede Tankstelle mit einem Bezahlautomaten ausgestattet ist, ist das in der Regel kein Problem, solange man im Besitz einer Kreditkarte mit der dazugehörigen 4-stelligen PIN-Nummer ist. Und da hätten wir dann unser Problem. Zwar sind wir im Besitz zweier funktionierender Kreditkarten nur fehlt uns die jeweils 4-stellige PIN-Nummer zum vollen Tank. Mit dem restlichen Tankinhalt kommen wir noch gut 80 Kilometer, die bis zur nächsten Tankstelle reichen sollten und so machen wir uns auf den Weg in Richtung Südosten. Laut Straßenkarte soll sich nach 30 Kilometern unweit von der Ringstraße eine Tankstelle befinden. Die Straße, die zu dieser Tankstelle führt, ist tief verschneit und wurde offenbar seit Tagen nicht befahren, also beschließen wir unsere Fahrt auf der Ringstraße fortzusetzen – uns bleiben noch 50 Kilometer zum Auffinden einer Tankstelle. Der nächste Abzweig, hinter dem sich eine Tankstelle verbergen soll, offenbart das gleiche Bild und so setzen wir unsere Fahrt erneut auf der Ringstraße fort – uns bleiben noch 30 Kilometer. Wir werden nervös und schwören beim nächsten Islandbesuch eine 4-stellige PIN-Nummer auf dem Handgelenk tätowiert zu haben. Eigentlich sollte der Straßenkarte nach jeden Moment eine Tankstelle an der Ringstraße auftauchen – es bleiben uns noch 20 Kilometer und es ist keine Tankstelle in Sicht. Die Sorge um das immer schlechter werdende Wetter und die stark verschneite Straße rücken in den Hintergrund – noch 15 Kilometer. Ich erzähle Ralf, wie ich 2003 in Australien mit leerem Tank liegen blieb und die Fahrt erst nach etlichen Stunden durch die Hilfe freundlicher Australier fortsetzen konnte – in Island gibt es keine freundlichen Australier. Die Tanknadel scheint schon am Anschlag anzuliegen als am Horizont endlich ein paar Häuser auftauchen. Wo es Häuser gibt, gibt es auch Menschen und wo es Menschen gibt, gibt es auch Autos und wo es Autos gibt, gibt es auch Autowaschanlagen und wo es Autowaschanlagen gibt, gibt es auch Tankstellen.

 

Wir tanken 54 Liter bei einem Tankvolumen von 55 Litern und setzen unsere Fahrt in Richtung Höfn fort. Die Anspannung bei der Tankstellensuche hat uns vom Wetter abgelenkt, welches sich mehr und mehr von seiner schlechtesten Seite zeigt. Der Wind hat so stark zugenommen, dass wir schon seit einiger Zeit nur noch mit 60 Kilometern pro Stunde auf der ohnehin schneeglatten Straße fahren. Die Sicht ist extrem schlecht und durch halb zugekniffene Augen sehen wir in einiger Entfernung ein großes Gefährt, welches an einer Böschung geschätzte 20 Meter von der Straße entfernt steht. Als wir näher kommen sehen wir, dass es sich um einen vollbesetzten Linienbus handelt, der offensichtlich von einer Windböe erfasst und von der Straße geweht wurde. Wir halten an und stolpern über den steinigen Boden in Richtung des Busses, während uns der starke Wind einen Mix aus Regen, Schnee und Hagel ins Gesicht peitscht. Am Bus angekommen fragen wir, ob wir in irgendeiner Form behilflich sein können, was den Busfahrer zu erheitern scheint. Glücklicherweise sind alle Insassen wohlauf und ein Ersatzbus wurde bereits geordert, der schon bald eintreffen soll. Wir sind sensibilisiert und setzen unsere Fahrt nun noch vorsichtiger fort. Ralf, der heute den Fahrdienst schiebt, ist nicht zu beneiden aber selbst ich, als Beifahrer, bin kein Stück entspannter.

 

Wir fahren nur noch 40 Kilometer pro Stunde auf der Gegenfahrbahn um bei Windböen nicht direkt von der Straße geschoben zu werden. Da entgegenkommende Fahrzeuge genauso vorsichtig fahren wie wir, können wir jederzeit rechtzeitig auf unsere Fahrspur zurückkehren und sicherheitshalber anhalten. Aus dem Wind ist längst ein ausgewachsener Sturm geworden. Die Sturmböen rütteln heftig an unserem Auto. Wir sprechen vor lauter Anspannung schon seit vielen Kilometern kein einziges Wort mehr als uns plötzlich eine so heftige Sturmböe erfasst, dass wir auf der schneeglatten Straße einen Satz von gut einem Meter auf die andere Straßenseite machen. So jetzt reicht es uns, wir haben es satt und fahren bei der nächstbesten Möglichkeit von der Straße ab und stellen uns mit der Motorhaube in den Wind gerichtet. Der Sturm rüttelt heftig an unserem Auto und jedes Mal wenn uns eine besonders motivierte Böe erfasst, öffnet sich die Beifahrertür in der oberen rechten Ecke einen kleinen Spalt und das miese Unwetter faucht garstig ins Auto. An diesem Punkt gebe ich mich nun offiziell geschlagen und werde nie wieder ein isländisches Unwetter verhöhnen. Seit eineinhalb Stunden sitzen wir nun an dieser Stelle fest. Eine Kombination auch Schnee, Regen und Hagel zischt waagerecht an uns vorbei und die Sicht nach vorn beträgt vielleicht 30, vielleicht auch nur 20 Meter. Um keinen Preis der Welt kann es das Wert sein, dass wir diese Strapazen auf uns nehmen um nach Höfn zu kommen – wir wollen gar nicht an die morgige Rückfahrt denken. Wir sind erstaunt, dass hin und wieder Autos im Schritttempo über die Straße kriechen. Darunter befinden sich auch Kleinwagenformate, die bei den stark verschneiten Straßen jederzeit steckenzubleiben drohen.

 

Ok, wenn die das schaffen, dann schaffen wir das auch“, machen wir uns Mut und setzen unsere Fahrt vorsichtig fort. Nach ein paar Kilometern sehen wir ein Auto, das offensichtlich auch durch den Sturm von der glatten Straße abgekommen ist. An aussteigen ist hier nicht zu denken, da die heftigen Sturmböen uns wahrscheinlich die Türen aus den Angeln reißen würden. Trotzdem halten wir an und mustern das Fahrzeug aus der Ferne – es befinden sich keine Personen mehr im Fahrzeug und so fahren wir mehr oder weniger beruhigt weiter. Kurze Zeit später sehen wir ein zweites Auto im Straßengraben aber auch in diesem befinden sich keine Personen mehr. Unser nächster unfreiwilliger Stopp wird durch einen Kleinwagen erzwungen, der mit eingeschaltetem Warnblinklicht mitten auf der Straße steht. Vorsichtig fahren wir links am Wagen vorbei und halten auf der Höhe der Fahrerseite. Ich öffne das Fenster einen winzigen Spalt um dem Gegenüber Hilfe anzubieten. Die Insassen des Kleinwagens, zwei völlig verängstigte asiatische Touristinnen, sind unsicher ob sie die Fahrt fortsetzen oder lieber umkehren sollten. Die gleiche Frage stellten wir uns auch kurz zuvor, aber aufgrund der bereits zurückgelegten Strecke entschieden wir uns weiterzufahren – der Weg zurück nach Vík í Mýrdal wäre längst weiter entfernt als das vor uns liegende Ziel. Im Schlepptau folgt uns der Kleinwagen nun seit einiger Zeit als er plötzlich immer kleiner im Rückspiegel wird. Wir halten an und fahren im Rückwärtsgang bis wir den Wagen erreicht haben. Die beiden Touristinnen stecken im Schnee fest. Mit bitterer Miene schauen wir uns an, um dann vorsichtig einer nach dem anderen auszusteigen und Schubhilfe zu geben. Das ging einfacher als gedacht. Erst als wir wieder im Auto sitzen fällt uns auf, dass der Sturm mittlerweile stark nachgelassen hat und nur noch als kühler Wind um unser Auto säuselt.Wir fahren weiter mit den beiden Touristinnen im Schlepptau bis wir die Gletscherlagune Jökulsárlón erreichen.

Wir stoppen am Strand gegenüber von der Lagune in der Hoffnung bei inzwischen wieder aufklarendem Himmel noch ein paar Fotos von den Eisblöcken machen zu können, die an den schwarzen Sandstrand gespült werden. Beim Anblick der vielen gigantischen, blau schimmernden Eisblöcke, die den langen Strandabschnitt säumen, ist auch unsere schlechte Laune wie vom Sturm weggeblasen. Vor lauter Aufregung weiß man gar nicht welchen Eisblock man zuerst fotografieren soll. Ich suche mir einen besonders schönen, blau leuchtenden Eisblock aus, knie mich hinter ihn und werde genau in diesem Moment von einer mannshohen Welle überspült. Ich bin nass – von oben bis unten, inklusive Kamera und meine Wanderschuhe sind bis zum Rand mit eisigem Wasser gefüllt. Mies gelaunt schaue ich aus einem nassen, eiskalten Wutgesicht in Ralfs Richtung und frage ihn vorwurfsvoll ob er wenigstens ein Foto von meinem Missgeschick gemacht hat – hat er nicht.

 

Wir sitzen im Auto um die letzten 80 Kilometer bis Höfn zu bestreiten. Nach insgesamt 9 Stunden kommen wir endlich um 18:30 Uhr in Höfn an. Eigentlich hatten wir auf dieser Tagestour viele Fotostopps eingeplant und wollten unter anderem einen Abstecher zum Svartifoss-Wasserfall unternehmen, der uns neben anderen interessanten Spots empfohlen wurde. Aus all den angepeilten Foto-Spots wurde leider nichts, aber zumindest soll Ralf heute Abend zu seinem hart verdienten extra fettigen Hamburger kommen.

 

Wir sitzen in einem urigen Pub inmitten von gut gelaunten und trinkfreudigen Isländern. Die Stimmung ist aufgeheizt und alle Augen sind auf zwei große Flachbildschirme gerichtet. Heute ist die Live-Übertragung der Ultimate Fighting Championship aus der O2 Arena in London. Der isländische Mixed Martial Art Kämpfer Gunnar Nelson tritt gegen den russischen Kämpfer Omari Akhmedow an. Gunnar, ein sympathischer, nordischer Schönling und Schwiegermuttertraum sieht viel zu nett aus um auch nur den Hauch einer Chance gegen den russischen Wolf zu haben. Noch bevor der Kampf beginnt, habe ich schon Mitleid mit Gunnar und seiner Fangemeinde im Pub.

 

Wir bestellen unsere extrafettigen, texanischen Raffinerieburger und verfolgen aufmerksam das Geschehen um uns herum.

 

Die Liveübertragung findet ihren vorläufigen Höhepunkt mit dem Gong zum Start der ersten Runde. Der Schwiegermütterling und der russische Wolf teilen ein paar erste Schläge und Tritte aus, als Gunnar seinen Gegner plötzlich und unerwartet zu Boden reißt, ihn umklammert und mit Fäusten und Ellbogen am Kopf bearbeitet. Das Blut spritzt. Gunnar hat Omari eine Platzwunde im Gesicht zugefügt und lässt nicht mehr von ihm ab. Beide sind blutverschmiert. Ich verfolge den brutalen Kampf nur noch mit einem halb zugekniffenen Auge – eine stark abdunkelnde Sonnenbrille wäre jetzt nicht schlecht.

 

Kurz bevor Gunnar zum finalen und allesentscheidenden Schlag ansetzt, bekommen wir unsere Burger serviert. Die Burger sind zum Glück gut durchgegart und nicht mehr blutig. Der Gong ertönt, Gunnar siegt durch KO in der ersten Runde, es wird gejubelt, das Bier fließt, mein Burger schmeckt.

 

Noch etwas anderes fällt mir an diesem Abend auf und gibt mir zu denken - sollten jemals neue Styling-Trends von Island aus in die Welt gesendet werden, dann dürfte die Männerwelt und eine kleine Minderheit sibirischer Gewichtheberinnen schon bald wieder Schnurrbärte tragen. Ich muss zugeben, dass mir der Gedanke gefällt und ich über eine Fotoreise nach Sibirien nachdenke.

 

Wir sitzen in unserer Unterkunft und genießen einen Tagesabschluss-Whisky sowie isländisches Bier der Marke Einstök und lallen uns durch die Erlebnisse des Tages. Wir würden ja gerne auch diese Nacht noch einmal aufbrechen um Polarlichter zu fotografieren, denn immerhin hat es aufgehört zu schneien aber dafür regnet es jetzt – Dauerregen bei +5°C.


Sonntag 09.03.2014

Gestern stellten wir uns noch die Frage, ob es das wirklich Wert gewesen sein kann, die nervenaufreibende Fahrt von Vík í Mýrdal nach Höfn in Kauf zu nehmen und nun stehen wir kurz nach 07:00 Uhr auf der Stokksnes Landzunge 17 Kilometer hinter Höfn und bestaunen ein einzigartiges Bergpanorama im Sonnenaufgang. Wir sind euphorisch und haben keinen Zweifel mehr daran, dass es sich gelohnt hat 9 Stunden für 270 Kilometer im Auto gesessen zu haben. Es macht den Anschein als wolle sich Island an unserem letzten Reisetag mit uns versöhnen und wir nehmen das Angebot gerne an. Nach zweieinhalb Stunden vor dieser herrlichen Kulisse mit dem Blick auf das Vestrahorn verlassen wir wehmütig diesen besonderen Ort und vielleicht den schönsten Foto-Spot auf unserer Reise.

Unser Ziel für heute Abend ist das altbekannte Bed & Breakfast am Flughafen in Reykjanesbær, denn bereits morgen früh um 08:00 Uhr geht unser Flug zurück nach Kopenhagen. Nach den gestrigen Erlebnissen ist uns etwas mulmig, ob wir die vor uns liegenden 505 Kilometer bis heute Abend zurücklegen können, so dass wir noch die Zeit zum Koffer packen und schlafen haben. Auf unseren ersten Kilometern stellen wir fest, dass der nächtliche Dauerregen einen Großteil der dichten Schneedecke weggespült hat und wir Island erstmalig so sehen, wie wir es uns vorgestellt haben. Was uns aber fast noch mehr erfreut ist die Tatsache, dass die Straße nun völlig schneefrei ist und wir zügig vorankommen.

Einen wichtigen Pflichtstopp wollen wir auf jeden Fall noch einlegen, egal wie lange wir auch bis Reykjanesbær brauchen – die Gletscherlagune Jökulsárlón mit dem vorgelagerten schwarzen Sandstrand und den unzählig vielen Eisblöcken. Waren wir gestern noch allein am Strand von Jökulsárlón, teilen wir ihn uns heute mit gut 20, 30 oder vielleicht auch 40 Fotografen – zum Glück ist das Areal groß genug und so verteilt sich das Geschehen gleichmäßig. Ich muss zugeben, dass ich nach meinem gestrigen unfreiwilligen Duscherlebnis voller Schadenfreude auf die nächste große Welle warte und Ralf dabei permanent mit einem Auge im Blick habe. Er ist denkbar unvorsichtig und scheint nichts aus meinem Erlebnis gelernt zu haben und so komme ich noch zu ein paar schönen actionreichen Schnappschüssen. Ich bin mir heute auch ziemlich sicher, dass der Erfinder der „Jump ‚n‘ Run“ Computerspiele am Strand von Jökulsárlón beim Beobachten von Fotografen seine Inspiration gefunden haben muss.

 

Die Gletscherlagune an sich, übt keinen besonderen Reiz auf mich aus – vielleicht bin ich von meiner Grönlandfotoreise im vergangenen Jahr verwöhnt, vielleicht aber auch einfach nur übersättigt nach den schönen Eindrücken von heute Morgen. Dabei hat die 248 Meter tiefe Lagune beinahe schon einen Prominentenstatus und vermutlich kennen sie viel mehr Menschen als ihnen bewusst ist. Sie diente bereits für viele Filme als Kulisse, darunter zum Beispiel James Bond, Tomb Raider, Beowulf & Grendel und Batman Begins.

 

Gegen 15:00 Uhr setzen wir unsere Fahrt fort und haben immer noch 420 Kilometer Wegstrecke vor uns. Wir kommen gut voran, da die Straßen durchweg schneefrei sind. Unzählige Spuren an Böschungen und in Straßengräben deuten darauf hin, dass noch weit mehr Autofahrer das Kräftemessen gegen den Sturm verloren haben. Wir  halten hin und wieder am Straßenrand um ein Foto von einem schönen Bergpanorama zu machen und sind überrascht was man bei klarer Sicht alles sehen kann.

Uns hätte direkt etwas gefehlt wenn wir nicht 90 Kilometer vor unserem Ziel wieder in ein Schneegestöber geraten wären und so kämpfen wir uns die letzten Meter bis zu unserer Unterkunft, die wir gegen 21:30 Uhr erreichen.


Montag 10.03.2014

Wir sitzen pünktlich in unserem Flieger nach Kopenhagen und freuen uns auf das letzte Highlight unserer Fotoreise. Auf unserem Flug nach Reykjavik vor einer Woche mussten wir bereits in Kopenhagen zwischenladen und die gut 3 Stunden Aufenthalt hinter uns bringen. Wer viel reist und viele Flughäfen sieht, der weiß, dass man auf Flughäfen in der Hauptsache entweder shoppen oder essen kann. Da wir keinen Shoppingbedarf hatten, entschieden wir uns dazu etwas zu essen – einen großen, extra fettigen Hamburger. Da ich ein ausgesprochener Fan von unsinnigen Wetten und merkwürdigen Selbsttests bin, kam uns die Idee, die folgenden Tage einschließlich der Rückreise extra fettige Hamburger mit Pommes zu essen. Heute ist der Rückreisetag und vor uns liegt der extra fettige Hamburger, den wir uns zugegebenermaßen angewidert runterquälen.

 

Die restliche Wartezeit am Flughafen verbringen wir damit die Reise auszuwerten und unser persönliches Fazit zu ziehen.

 

Fragt mich heute jemand, ob ich Island im März empfehlen kann, dann würde ich vom Wetter gebeutelt wahrscheinlich zögerlich antworten. Ich muss aber fairerweise sagen, dass unser Wetter hoffentlich nicht den Standard darstellt und wir trotz der Unannehmlichkeiten und ausgelassenen Foto-Spots sehr viel gesehen haben und sogar mit Polarlichtern belohnt wurden.

 

Wir haben auf unserer über 2.000 Kilometer langen Reise mehrfach festgestellt, dass der im Vergleich zum Kleinwagen teurere Geländewagen die beste Entscheidung war und sollte ich doch noch mal irgendwann im März nach Island reisen, dann würde ich wieder einen Geländewagen mieten. Aufgrund der gut ausgebauten Straßen kommt man während der Sommermonate aber auf jeden Fall auch sehr gut mit einem Klein- oder Mittelklassewagen zurecht. Die ironischste Fehlausgabe auf unserer Reise war eine Versicherung gegen Asche- und Sandschäden am Mietwagen – wir hatten zwar reichlich und heftigen Sturm, der aber anstelle von Asche und Sand nur reichlich Schnee durch das Land peitschte. Generell ist dies aber vielleicht ein Thema, welches bei Mietwagen auf Island in Betracht gezogen werden sollte – zumindest erhielt ich den Eindruck von diversen Island-Foren im Internet.

 

Unsere vermutlich häufigste Feststellung auf den Touren durch das Land war „Eine Sonnenbrille wäre jetzt nicht schlecht“.

 

Was mich tatsächlich überraschte, war die im März hohe Dichte an Besuchern an sämtlichen Sehenswürdigkeiten wie Geysir Strokkur, den Wasserfällen Gullfoss, Skogarfoss und Seljalandsfoss, so dass das Fotografieren oftmals kein einfaches Unterfangen war. Speziell was die Wasserfälle Seljalandsfoss und Skogarfoss angeht, kann ich mir vorstellen, dass man im Frühjahr und Sommer deutlich bessere Chancen auf menschenleere und stimmungsvolle Fotos hat, da zu dieser Zeit die Sonne wesentlich später untergeht und kaum jemand der normalmotivierten Reisenden zu später Stunde an diesen Orten unterwegs ist.

 

Das Island ein wahres Eldorado für Fotografen ist, lernt man schnell an den bekannten und beliebten Foto-Spots, welche nach unserer Erfahrung schon oft zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gut besucht sind. Mit etwas Rücksicht und Respekt den anderen Fotografen gegenüber, wird man aber auf jeden Fall zu seinem vielleicht neuen, persönlichen Lieblingsfoto kommen.

 

Achja und die vielleicht wichtigste Lektion – bloß kein isländisches Unwetter verhöhnen!


Dieser Reisebericht soll in erster Linie unterhalten und hat daher nicht den Anspruch einen Reiseführer zu ersetzen. Ich freue mich darüber, wenn ich mit dem Bericht Anregungen für eine Reiseroute und besonders sehenswerte Ziele geben kann oder wenn der Bericht einfach nur für einen Moment zur Unterhaltung beigetragen hat. Der Fokus bei den Reisezielen liegt bei mir auf der Fotografie und weniger auf kulturelle oder historische Sehenswürdigkeiten und mag daher eher Fotografen ansprechen.

Kommentare: 6
  • #6

    Lutz (Mittwoch, 07 September 2016 07:34)

    Island im Winter ist ein Traum. Und der Stress, bei diesem Wetter auf der Piste zu sein, wird durch diese Bilder belohnt.
    Klasse Bericht. Wenn es mal irgendwann bei mir mit ner Island-Reise klappt, dann sind diese wunderschönen Fotos für mich mit Sicherheit die Ideengeber.

  • #5

    PaulN (Mittwoch, 31 August 2016 22:06)

    Vielen lieben Dank für den Bericht! Ich bin in wenigen Tagen für eine Woche zum Photographieren auf Island und deine Tipps sind das Grundgerüst meiner Tour :)

  • #4

    Matthias (Mittwoch, 16 März 2016 10:03)

    Wahnsinns Reisebericht Oliver!
    Ich werde dieses Jahr im Dezember eine 7-10 tägige Island Rundreise machen. Davor bin ich einige Zeit in Olafsvik, also wird meine Reise dort starten.
    Könntest du mir einige Tipps für meine Reise geben?
    Vor allem wie man sich auf den Straßen am besten zurecht findet/zu den Fotospots findet. Was man beim buchen eines Mietwagens beachten muss. Aber auch allgemeine Tipps. Würdest du im Auto schlafen, bzw. hättest du Tipps für Unterkünfte.
    Würde mich sehr freuen wenn du mir helfen könntest.
    Übrigens, sau geile Fotos! Vor allem Stokkness, Kirkjufell und Seljalandsfoss (BW mit Bank) gefallen mir sehr gut.

    Keep up the good work!


  • #3

    Olly (Mittwoch, 30 Dezember 2015 12:47)

    @Anja
    Vielen Dank für Dein Feedback Anja! Freut mich sehr, wenn der Bericht bei der Reiseplanung hilfreich war. Ich wünsche viel Spaß bei der geplanten Reise und eine Menge toller Fotomotive!
    Viele Grüße,
    Olly

  • #2

    Anja (Freitag, 25 Dezember 2015 01:04)

    Danke für den Bericht. Ich versuche gerade mir einen Eindruck von Island für eine anstehende Fotoreise zu verschaffen - die Seite hat mir dabei sehr geholfen. Und die Fotos: lecker, echt klasse.

  • #1

    Jörn (Samstag, 05 Dezember 2015 23:45)

    Kompliment. Viele sehr gute Bilder! Wir waren bislang einmal in Island und haben nun wieder gebucht. Schön wäre mal ein ganzer Monat ...