Reisebericht Schottland - September 2015

Donnerstag 03.09.2015

 

Es ist erstaunlich viel los so früh auf der Straße. Konzentriert sitze ich hinterm Steuer, blicke in die finstere Nacht und in die grellen Scheinwerfer des Gegenverkehrs. Im Radio dudelt ein alter Crowded House Klassiker „everywhere you go, always take the weather with you… Seit jeher einer meiner Lieblingssongs - der verbreitet gute Laune. Ich bin mir nur nicht sicher ob ich das norddeutsche Wetter mit auf unsere Reise nehmen will. Immerhin hat der September einen zünftig herbstlichen Einstand gegeben und in den vergangenen Tagen reichlich Regen über Hamburg abgeworfen.

 

Bereits gegen 02:30 Uhr schepperte mein Wecker heute Morgen rücksichtslos auf dem Nachtschrank und jetzt kurz nach 03:00 Uhr bin ich auf dem Weg in den Nachbarort, wo ich Ralf abhole um mit ihm gemeinsam nach Hannover zum Flughafen zu fahren. Thomas, der dritte Mann unserer kleinen Reisegruppe, sollte jetzt irgendwo auf der A2 unterwegs sein. Es ist an der Zeit für einen Kontrollanruf. Als erstes wähle ich Ralfs Nummer und fast wie erwartet meldet sich niemand. Na prima das geht ja schon gut los. Hoffentlich habe ich bei Thomas mehr Glück. Ich wähle seine Nummer und nach nur einem Mal klingeln dröhnt er auch schon durch meine Lautsprecherboxen. Er ist schon 50 Kilometer vor dem Flughafen – meine Güte wann ist der denn aufgestanden? Das Ziel unsere gemeinsamen Reise ist Schottland. Schottland in nur drei Tagen, das ist fast so als würde man nur 1 ½ Wochen Zeit für eine Australienrundreise einplanen. Na hoffentlich spielt das Wetter mit „everywhere you go…

 

Ralf hat glücklicherweise doch nicht verschlafen und so können wir direkt zum Flughafen durchstarten. Das Flugzeug hebt pünktlich 06:15 Uhr ab und nach einem Zwischenstopp in Amsterdam erreichen wir kurz nach 10:00 Uhr unser finales Ziel, den Flughafen von Aberdeen. Ein Gutes hat das frühe Aufstehen ja – der Tag liegt noch vor uns.

Gegen Abend wollen wir unser kleines gemütliches Cottage im urigen Fischerörtchen Gardenstown an der Grampian-Küste beziehen. Die Route soll uns nicht auf direktem Wege vom Flughafen nach Gardenstown führen, sondern entlang der Küste vorbei an verschiedenen Sehenswürdigkeiten und landschaftlich reizvollen Orten. Der erste vielversprechende Zwischenstopp ist an der südlich von Aberdeen gelegenen Felsenburgruine Dunnottar Castle eingeplant. War der Himmel kurz nach der Landung noch vom tristen Einheitsgrau bedeckt zeigen sich nun während der Anfahrt erste blaue Wolkenlücken. Dank einer verpassten Ausfahrt und einem darauffolgenden Orientierungsproblem kommen wir nach unplanmäßig längerer Fahrtzeit bei mittlerweile vollständig aufgerissener Wolkendecke und strahlendem Sonnenschein an der Burgruine an. Dunnottar Castle bietet alles, was man von einer schottischen Burgruine erwartet – eine reizvolle Lage, imposante Baukunst und ein Hauch von lebendiger Vergangenheit. Die Auslöser unserer Kameras klicken im Takt wie zu einem original bayrischen Schuhplattler. Hier oben auf den Klippen der Steilküste bläst ein starker Wind, der es fast unmöglich macht verwacklungsfrei Fotos zu schießen. Wir sind uns einig, dass dieser Spot ein Pflichtstopp auf einer Schottlandrundreise sein sollte.

Das nächste Ziel ist die Kleinstadt Stonehaven, die nur wenige Fahrminuten in nördlicher Richtung liegt. Wir plündern den erstbesten Geldautomaten und decken uns mit dem nötigsten Reiseproviant ein – darunter Bier und Kekse. Viel länger hält es uns nicht im Ort. Wir wollen das schöne Wetter zum Fotografieren nutzen und so wird ohne lange zu zögern Cruden Bay als Ziel in das Navi eingegeben. Cruden Bay ist zwar nur 66 Kilometer entfernt, trotzdem wird die Fahrtzeit mit über einer Stunde angezeigt. Der Grund dafür, ist der schleppende Verkehr durch die Innenstadt von Aberdeen. Mit jedem Kilometer, den wir uns dem Ziel nähern, verdunkeln sich die Wolken bis schließlich die ersten Regentropfen die Scheibenwischer aus ihrem Tiefschlaf erwecken – „..always take the weather with you.

 

Cruden Bay ist bekannt für seinen atemberaubenden Küstenabschnitt mit verschiedenen interessanten Motiven wie die Burgruine Slains Castle, der Felsformation Bullers of Buchan oder die Cruden Bay Cliffs. Wir verlassen das Auto nur widerwillig, sind aber trotz des Wetters begeistert von der Felsformation Bullers of Buchan, die nur wenige Minuten nördlich von Cruden Bay zu finden ist.

In der Hoffnung auf sich schnell besserndes Wetter setzen wir die Fahrt schon recht bald in Richtung Norden fort und scheitern bei der Suche nach dem idyllisch gelegenen Rattray Lighthouse. Vom unauffindbaren Leuchtturm bis zum Küstenort Pennan, der durch den Film „Local Hero“ mit Burt Lancaster Weltruhm erlangte, sind es nur noch 32 Kilometer. Die einzige rote Telefonzelle im Ort ist der Dreh- und Angelpunkt im Film und so kommt es, dass sich bis heute Touristen aus der ganzen Welt vor ihr fotografieren lassen.

Nach kurzer Fahrt durch eine idyllische Landschaft kommen wir in dem Örtchen am Fuße der Steilklippen an. Der Weg hinunter in den Ort führt über eine sehr steile und schmale Straße, die mir bereits 2007 bei meinem ersten Besuch ein mulmiges Gefühl verschaffte. Der Ort ist neben Crovie einer der schönsten Küstenorte Schottlands und unbedingt einen Abstecher wert. Wir fotografieren jeden Winkel und jedes Haus, nur nicht die zugeparkte Telefonzelle.

 

Da bereits die Abenddämmerung einsetzt, machen wir uns schleunigst auf den Weg um die verbleibenden sieben Kilometer bis zu unserem finalen Ziel Gardenstown zurückzulegen. Die Unterkunft hält was die Fotos auf der Internetseite versprochen haben. Schnell verstauen wir unser Gepäck und begeben uns direkt mit Kamera und Stativ auf einen ersten Rundgang durch den Ort um ein paar Fotos von der blauen Stunde einzufangen. Ein ereignisreicher, langer Tag geht mit diesem Spaziergang zu Ende und wir sind gespannt was der kommende Tag zu bieten hat.


Freitag 04.09.2015

 

Es ist erst 06:00 Uhr als nach und nach die Wecker in den Schlafräumen unseres Cottage anschlagen. Das Wetter begrüßt uns stürmisch mit grauen, tief hängenden Wolken und Freudentränen. Ein guter Grund den Wecker K.O. zu schlagen und liegen zu bleiben. Thomas ist der einzige, der sich nach draußen wagt um die ersten Motive zu erbeuten. „Soll er doch“ denke ich mir, drehe mich zur Seite und versuche angestrengt wieder in den Schlaf zu finden. Keine Chance, so sehr ich mich auch anstrenge wieder einzuschlafen, hält mich das Gefühl irgendetwas verpassen zu können wach und so stehe 10 Minuten später vor der Tür im kühlen Wind. Unmotiviert stapfe ich durch den menschenleeren Ort vorbei am Hafen bis hin zum letzten Haus an der Steilküste. Ab und an mache ich ein Foto um beweisen zu können, dass ich so früh schon draußen war und nichts, rein gar nichts verpasst hätte, wenn ich liegen geblieben wäre. Von Thomas fehlt jede Spur – vermutlich liegt er längst wieder im Bett und wartet auf das Frühstück, für das wir uns zu 08:00 Uhr verabredet haben. Als ich wieder im Cottage eintreffe, kommt mir Ralf verschlafen entgegen doch von Thomas fehlt nach wie vor jede Spur. Noch bevor ich mir wilde Szenarien, wie eine Entführung durch Außerirdische, ausmalen kann, rumpelt er auch schon durch die Tür und schwärmt von einem spektakulären kurzen Wanderweg entlang der Steilküste, der ins beschauliche Crovie führt. Wie es aussieht habe ich wohl doch etwas verpasst.

 

Pünktlich 08:00 Uhr stehen wir als einzige Gäste hungrig vor dem Tea Pott, unserem Frühstückslokal. Wir entscheiden uns für das große schottische Frühstück aber gegen Black Pudding1 und Haggis2. Der freundliche Frühstückswirt, ein pensionierter Polizist aus London, berichtet vom Leben an der einsamen schottischen Küste, die in den Sommermonaten von Touristen aus aller Welt stark frequentiert wird. Das Rahmenprogramm aus gebratenem Schinken, verspielter Inneneinrichtung, Spiegelei, Porzellankännchen, gebratenen Pilzen, kitschigen Salz- und Pfefferstreuern, Bohnen sowie Geschichten aus Gardenstown ist ein herrlicher Einstieg in den Tag und wir versprechen spätestens am Sonntag wiederzukommen.

Unser erster Fotostopp führt uns hinauf zu den Klippen auf denen die alte

St John‘s Kirchenruine thront. Von hier aus bietet sich einem ein wunderbarer Blick über Gardenstown und die gesamte Steilküste. Die Kirche wurde vermutlich erstmals 1004 erbaut und über die Jahrhunderte mehrere Male neu errichtet. Die letzte Neuerrichtung geht wahrscheinlich in das 16. Jahrhundert zurück. Die schmale Straße zur Kirche ist etwas abenteuerlich zu befahren und endet an einem kleinen Parkplatz von dem aus ein circa ein Kilometer langer Pfad zur Kirchenruine führt. Wir verbringen fast eine geschlagene Stunde an diesem Ort bevor wir unser nächstes Ziel ansteuern.

Schon vor Reiseantritt habe ich Thomas und Ralf von Troup Head berichtet und den Ort als eine der Top Foto-Attraktionen unserer Tour angepriesen. Das ungemütliche und graue Wetter eignet sich perfekt für das uns erwartende Motiv. Troup Head ist einer von nur zwei Orten auf dem Festland des Königreichs, an dem die majestätischen Basstölpel aus nächster Nähe an den Steilklippen beobachtet werden können. Direkt zwischen den malerischen Fischerörtchen Crovie und Pennan gelegen, ist der Ort von einem unbefestigten Parkplatz aus in einer kurzen, circa einen Kilometer langen Wanderung zu erreichen. Nach ungefähr der halben Strecke hat man an einer Gabelung die Möglichkeit entweder dem roten Pfad nach rechts oder dem grünen Pfad nach links zu folgen. Ich erinnere mich das beide Pfade zum Aussichtspunkt führen und bin fest davon überzeugt, dass der rote Pfad die etwas kürzere und deutlich einfachere Route ist. Die andere Route, die nur knapp 200 Meter länger ist, hat es dagegen Faust dick hinter den Ohren. Ein kurzer aber ordentlich steiler Anstieg brachte mich damals tüchtig ins Schwitzen.


Wir wandern also nach rechts entlang dem rot markierten Pfad, von dem man einen schönen Blick auf den in einer Bucht gelegenen Ort Pennan hat. Der Pfad führt mit einer leichten Steigung über ein flaches Plateau bis an die Klippen. An den Klippen angekommen sehen wir auf der linken Seite in einiger Entfernung bereits das wilde Getümmel unzähliger Basstölpel. Vom Fotowahn gepackt stapfe ich emsig drauf los und kann nur durch den steilen Anstieg entlang dem Küstenweg gebremst werden. Meine Güte wenn der Anstieg hier schon so fordernd ist – Thomas hadert noch, ob er sich überhaupt zum Weitergehen überwinden kann – wie heftig muss dann erst der grüne Pfad gewesen sein. Erfreut darüber, dass wir mit dem roten Pfad die leichtere Alternative gewählt haben, bin stolz auf mein elefantengleiches Erinnerungsvermögen.


Die Aussicht von den bis zu 110 Meter hohen Klippen ist eindrucksvoll. Die Basstölpel kreisen auf Augenhöhe und lassen sich in aller Ruhe ablichten. Die Anstrengung ist längst vergessen und wir steigern uns in einen exzessiven Fotorausch. Der stark böige Wind bringt uns teilweise heftig aus der Balance, so dass wir es vorziehen im Sitzen zu fotografieren. Für die Basstölpel könnten die Bedingungen kaum besser sein – sie schweben elegant über der Steilküste und der Nachwuchs, mit seinem grauen Gefieder, übt sich eifrig im Windsurfen. Nach gut 1 ½ Stunden brechen wir wieder auf und wählen den grünen Pfad für unseren Rückweg, da dieser ja nun Bergab führen sollte. Wir wandern fast eben über das flache Plateau bis wir nach kurzer Zeit plötzlich vor der Gabelung vom Hinweg stehen und mir klar wird, dass ich mich mit dem roten Pfad schon bei meinem ersten Besuch geirrt hatte. Das unübersehbare Augenrollen von Thomas entgegne ich mit dem Argument, dass uns sonst auf dem Hinweg die schönen Aussicht auf Pennan entgangen wäre und denke mir „Elefanten haben auch nur ein scheiss Gedächtnis!

Die nun vor uns liegenden 40 Fahrkilometer sind eine willkommene Pause zum Durchatmen. Wir wollen in den beschaulichen Ort Portknockie um den beeindruckenden Bow Fiddle Rock im Meer direkt vor der Küste abzulichten. Auf den ersten Kilometern zeigt sich immer mehr Himmelsblau und wir sind guter Dinge, dass es das Wetter heute doch noch gut mit uns meint. In Portknockie angekommen biege ich in die Addison Street, die eine Sackgasse ist und ganz an ihrem Ende mit einem kleinen Hinweisschild auf den nur wenige Meter entfernt gelegenen Felsen hinweist. In der Tat ein beeindruckender und fotogener Fels, der unsanft vom Meer umspült wird. Ich will eine Langzeitbelichtung machen und begebe mich schnellen Fußes die Steilküste hinunter in die steinige Bucht. Kaum habe ich das Stativ aufgebaut, den Filter vor das Objektiv gesetzt und die Kameraeinstellungen vorgenommen, erwischt mich eiskalt ein erster Regentropfen, der seine gesamte Verwandtschaft, seinen Freundeskreis und die Nachbarschaft mitgebracht hat. Es bleibt nur wenig Zeit um in dem immer stärker zunehmendem Regen ein paar Langzeitbelichtungen zu machen. Ungünstig ist, wenn man dann auch noch die falschen Einstellungen gewählt hat und dies erst sehr spät merkt. Zähneknirschend begeben wir uns zurück zum Auto, trocknen das Kameraequipment und schmieden einen Plan, wie wir mit dem Regen umgehen sollten. Wir entscheiden uns für die Weiterfahrt in den 34 Kilometer entfernt gelegenen Ort Elgin mit der imposanten Ruine, der Elgin Kathedrale. Während Thomas und Ralf Stein für Stein der Kathedrale ablichten mache ich es mir im Auto bequem und überlege, wie wir den Rest des Tages gestalten können.

Es ist mittlerweile 14:30 Uhr und da der Himmel in der Ferne weitere Regenschauer ankündigt, beschließen wir die nur 30 Minuten entfernte Strathisla Whisky-Destillerie zu besuchen. Die Destillerie, die hauptsächlich für die Herstellung des Chivas Regal Blend Whiskys bekannt ist, wurde 1786 gegründet und ist somit die älteste in Betrieb befindliche der Speyside-Region. Mit ihren typischen spitzen Türmchen zählt sie obendrein zu einer der schönsten Destillerien im Land. Für umgerechnet rund 10 Euro können wir an einer einstündigen, geführten Tour teilnehmen, die am Ende mit der Verkostung von 4 verschiedenen Whisky-Sorten ihren Höhepunkt finden wird. Nachdem wir die Eintrittskarten erstanden haben und uns auf eine Tour voller fantastischer Fotomotive freuen, stehen wir unerwartet vor einem großen Schild mit dem Aufdruck „Fotografieren strikt verboten“ - verdammt.

 

Die Tour wird von einer jungen Mittzwanzigerin geführt, die trotz ihrer nur 1,60 Meter eine einschüchternde Erscheinung hat. Sie trägt einen knielangen, dunklen Rock mit Schottenmuster und ihre strammen Waden werden von einer tiefschwarzen Strumpfhose vor lüsternen Blicken geschützt. Die bis unter das Kinn eng zugeknöpfte weiße Bluse unterstreicht zusammen mit der aufdringlich großen, dunkelgerahmten Brille und den streng nach hinten gebundenen Haaren ihre Lehrerhaftigkeit. Jede ihrer Ausführungen beendet sie im herrischen Ton mit der Frage "DID ANYONE UNDERSTAND?" Dabei senkt sie leicht den Kopf und schielt mit einem stechenden Blick über den Brillenrand. Nein habe ich nicht, aber eingeschüchtert von ihrer dominahaften Erscheinung nicke ich eifrig mit dem Kopf - hoffentlich fordert sie mich nicht auf Ihre Ausführungen zu wiederholen.


Ein uneingeschüchterter, vorlauter kleiner Mann fühlt sich offenbar herausgefordert und entfacht eine Wissensschlacht mit der strengen Schulrätin. Keiner der beiden will dem anderen auch nur den kleinsten Wissensvorsprung eingestehen, so dass sie sich mit Salven fachspezifischer Vokabeln zu duellieren beginnen. Ich habe mittlerweile keinen Zweifel mehr daran, dass der Streber einen US-amerikanischen Pass besitzt, vermutlich Jack heißt und aus Tennessee kommt.


Wir stehen auf einem Zwischenboden im stickigen Destillierhaus bei beinahe tropischen Temperaturen, die meine Brillengläser anlaufen lassen, als die Schulrätin gerade wieder eine ihrer Ausführungen mit der Frage "DID ANYONE UNDERSTAND?" beendet. Die schweißnassen Gesichter der anderen Tourteilnehmer blicken gequält in die Richtung des Strebers, der zeitgleich ansetzt um eine weitere Salve Fachvokabeln in den Raum zu schießen. Ein neues Wortgefecht entbrennt und ich wünsche mir sehnlichst, dass die unerbittliche Schulrätin eine Peitsche hinter ihrem Rücken hervorzückt und Jack aus Tennessee mit einem eleganten Hieb zum Schweigen bringt. Am Ende der Tour muss er sich 0:2 geschlagen geben, was ihn dazu veranlasst beim Whisky-Tasting nochmals sein geballtes Wissen auf den dafür viel zu kleinen Tisch zu werfen – der Whisky macht es dieses Mal erträglicher.


Die schönste Anekdote zur Strathisla-Destillerie findet sich übrigens auf Wikipedia (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Strathisla).

 

Am 15. Juni 1993 wurde bei einer Lieferung von Bourbon-Fässern aus Kentucky eine schwarz-weiße Katze gefunden. Sie wurde auf den Namen Dizzy getauft. Den Namen erhielt die Katze, da sie nach dem Öffnen des Transportcontainers an die frische Luft torkelte. Ursache hierfür waren vermutlich die Unterernährung nach der vierwöchigen Reise und nicht zuletzt die Bourbondämpfe, die den Fässern entwichen. Nach sechsmonatiger Quarantäne wurde Dizzy als Mäusefänger bei Chivas Brothers eingestellt.

Mit zwei halbwegs angetrunkenen Fahrgästen wird nach dem Besuch der Destillerie der Rückweg angetreten. Nach wenigen Metern passieren wir einen Imbiss-Wagen mit dem originellen Namen „Codfather“, der für Ralf das Motiv seines Lebens gewesen wäre, wenn ich mich breitschlagen lassen hätte, mitten im dichten Stadtverkehr eine Vollbremsung für einen Imbisswagen hinzulegen. Den Rest der Fahrt verbringe ich damit Ralf zu trösten und zu versprechen, dass wir ein anderes „Motiv seines Lebens“ finden werden. Im Küstenstädtchen Cullen, mit seinem imposanten Cullen Burn Viaduct, wollen wir erneut einen Fotostopp wagen und werden erneut von einem Regenschauer zurück in das Auto gedrängt. Da es mittlerweile früh am Abend ist beschließen wir nach einem Restaurant Ausschau zu halten. Nach verblüffend langer Suche ist ein vielversprechendes Lokal gefunden, das obendrein noch viel verblüffendere Speisen serviert. Vor uns stehen drei Teller mit unterschiedlichen Speisen, die sich nicht voneinander unterscheiden – optisch wie geschmacklich. Irritiert von Hühnchen das nach Fisch schmeckt, Fisch der nach Fisch schmeckt und Pommes die nach Fisch schmecken, kehren wir nach Gardenstown zurück. Hinter dem dichten Wolkenteppich ist es kurz vor Sonnenuntergang und so beschließen wir eine Wanderung auf dem Küstenwanderweg nach Crovie um das fischreiche Mahl besser verdauen zu können. Die blaue Stunde bietet zahlreiche schöne Motive in dem kleinen ehemaligen Fischerort, der jetzt um diese Jahreszeit fast ausgestorben ist. Der Rückweg nach Gardenstown wäre ohne Taschenlampen in der Finsternis vermutlich direkt an der ersten Bodenwelle gescheitert. Unversehrt im Cottage angekommen geht es früh ins Bett denn der morgige Tag soll der spektakulärste des Kurztrips werden.


1https://de.wikipedia.org/wiki/Blutpudding

Blutpudding ist eine Fleischspeise aus gebackenem Schweineblut. Er wird als Blutwursterzeugnis mit Getreideanteil definiert. Das Gericht entspricht dem Grundsatz der kompletten Verwendung der Schlachtprodukte. Für die Zubereitung wird frisches Blut mit Zutaten vermengt und in eine Auflauf-/Kuchenform gegeben. Danach wird die Masse im Ofen in einem Wasserbad pochiert. Nach dem Stürzen wird der Pudding mit Butter nappiert.

 

2https://de.wikipedia.org/wiki/Haggis

Haggis ist eine Spezialität aus der Schottischen Küche und besteht aus dem Magen eines Schafes, paunch genannt, der mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett vom Schaf, Zwiebeln und Hafermehl gefüllt wird. Haggis ist mit Pfeffer scharf gewürzt, und das Hafermehl verleiht ihm eine etwas schwerere Konsistenz als Wurst.


Samstag 05.09.2015


Es bricht gerade die Morgendämmerung an als das Klacken der Autotüren durch die engen Gassen von Gardenstown hallt. Das Navi zeigt eine Strecke von knapp 250 Kilometern an, die uns bis in das imposante Tal der Tränen hinter Glencoe führen soll. Auch diesen Ort hatte ich bereits 2007 während meiner Schottlandrundreise besucht und weiß daher was uns für landschaftliche Höhepunkte erwarten. Jetzt um 06:30 Uhr am frühen Morgen hat noch kein Frühstückslokal geöffnet, so dass wir die Chance nutzen um so viele Kilometer wie möglich hinter uns zu bringen. Wir halten hier und da und manchmal auch dort um erste Fotos zu schießen. Bei unserer Fahrt in die Highlands werden wir von der Sonne und blauem Himmel begleitet. Nach etlichen Stopps erreichen wir Glencoe. Ich habe Glencoe noch gut in Erinnerung, zum einen liegt der kleine Ort sehr idyllisch am Loch Leven und zum anderen hatte ich hier bei meinem ersten Besuch eine sehr interessante Begegnung.

 

Ich kam damals sehr spät in Glencoe an und wollte noch schnell in einem urigen Restaurant kurz vor Ladenschluss zu Abend essen. Die schmale Straße vor dem Restaurant hatte keine ausgeschilderten Parkplätze und ich war mir unsicher wo ich parken sollte. Ich entschloss mich dazu direkt gegenüber vom Restaurant im Sichtfeld zu parken um das Auto bei Bedarf schnell umparken zu können. Kaum hatte ich jedoch die Fahrertür ins Schloss springen lassen, da stand auch schon der unrasierte, grimmig dreinschauende Hausbesitzer, dessen Haus ich gerade zuparkte, vor mir und gab mir zu verstehen, dass ich hier nichts zu suchen hätte. Eingeschüchtert entschuldigte ich mich und neugierig geworden fragte er mich woher ich denn käme. "Germany" entgegnete ich kurz und knapp. Er kraulte sein Kinn, lächelte und sagte „Deutschland, die die England immer im Fußball schlagen! Lass es dir schmecken mein Junge.“ Dann verschwand er winkend genau so schnell wie er gekommen war.

Nach einem kurzen Stopp setzen wir unsere Fahrt auf der A82 fort. Die Straße führt durch ein beeindruckendes Tal, dass als das Schönste Schottlands gehandelt wird. Die vielen Parkplätze entlang der Straße sind nahezu alle überfüllt, dennoch ergattern wir alle paar Kilometer einen Platz und erkunden ergiebig die nähere Umgebung. Das alles ist mir noch nicht genug – ich will zum Buachaille Etive Mòr, ein 1.021 Meter hohes Bergmassiv dessen höchster Gipfel, der Stob Dearg, ein perfektes Fotomotiv abgibt. Nach ungefähr 15 Kilometern hinter Glencoe biegt rechts eine schmale Straße in ein weiteres idyllisches Tal. Gleich im Eingang des Tals thront er, der majestätische Stob Dearg. Die Lichtverhältnisse sind zwar nicht optimal für stimmungsvolle Fotos, aber die lange Reise hat sich trotzdem allemal gelohnt. Nachdem wir reichlich Fotos geschossen haben, fahren wir noch ein paar Kilometer tiefer das Tal hinein. Wir sind begeistert von der Schönheit der Landschaft entschließen uns aber schon bald umzukehren, da uns der lange Rückweg im Nacken sitzt. Später werde ich zu Hause auf Google Maps feststellen, dass wir weniger als einen Kilometer vor der Stelle umgedreht sind, an der James Bond und M im Film Skyfall in einem alten Haus Zuflucht vor dem Bösewicht Raoul Silva gesucht haben.


Auch auf dem Rückweg machen wir weitere Fotostopps und müssen die restlichen gut 100 Kilometer im Dunkel der Nacht durch die Highlands manövrieren. Völlig erschöpft aber zufrieden kommen wir gegen 23:00 Uhr wieder in Gardenstown an. Sicherlich ein langer Tagesausflug, der aber auf beinahe jedem Fahrkilometer etwas zu bieten hatte.


Sonntag 06.09.2015

 

Mein Wecker klingelt auch diesen Morgen Punkt 06:00 Uhr und wie jeden Morgen ist es ausschließlich das Gefühl etwas verpassen zu können, das mich aus dem Bett treibt. Es ist noch ruhig im Haus, so dass ich mich alleine nach draußen begebe. Es ist wieder stark windig aber der Himmel zeigt viele große blaue Wolkenlücken. Ich will unbedingt noch einmal nach Crovie wandern, will den Ort unbedingt im Tageslicht sehen. Am Ende verbringe ich fast zwei Stunden in Crovie und mache zum Abschluss viele, für mich besondere, Aufnahmen. Später sitze ich noch ein letztes Mal mit Thomas und Ralf in unserem Frühstückslokal ohne Häggis und ohne Black Pudding aber dafür mit gebratenem Schinken, Bohnen, Pilzen, Spiegelei und Toast.

 

Auf der Fahrt zurück zum Flughafen machen wir noch einen kurzen Abstecher zum Schloss Fyvie Castle um allerletzte Fotos zu schießen.

 

Das letzte Abenteuer des Tages soll das Auffinden unserer Autos im Parkhaus 3 am Flughafen von Hannover sein.


Dieser Reisebericht soll in erster Linie unterhalten und hat daher nicht den Anspruch einen Reiseführer zu ersetzen. Ich freue mich darüber, wenn ich mit dem Bericht Anregungen für eine Reiseroute und besonders sehenswerte Ziele geben kann oder wenn der Bericht einfach nur für einen Moment zur Unterhaltung beigetragen hat. Der Fokus bei den Reisezielen liegt bei mir auf der Fotografie und weniger auf kulturelle oder historische Sehenswürdigkeiten und mag daher eher Fotografen ansprechen.

Kommentare: 4
  • #4

    Jörn (Samstag, 05 Dezember 2015 23:55)

    Hier musste ich doch schmunzeln, aber es ist wohl halt so: Wer Island mag, ist auch ein Kandidat für Schottland (auch für nächstes Jahr gebucht) und Norwegen (da waren wir viele Jahre unterwegs).

  • #3

    Susanne Jupe (Mittwoch, 02 Dezember 2015 20:13)

    Heute erst den Bericht gesehen, leider muss ich sagen:) Wie immer sehr humorig geschrieben und mit schönen ausgewählten Bildern versehen, die einem Schottland näher bringen.
    Vielen Dank für diesen Bericht.
    Ich habe hier kein Lieblingsmotiv; alle Bilder haben mir sehr gut gefallen.

    Nette Grüße,
    Susanne

  • #2

    Nina R. (Dienstag, 13 Oktober 2015 21:39)

    Toller Reisebericht, tolle Bilder! Das Bild vom Bow Fiddle Rock im Meer ist mein persönliches Highlight. Gut gemacht, Olly!

    Liebe Grüße von Übersee,
    Nina

  • #1

    Andrea Richey (Dienstag, 22 September 2015 12:35)

    ...wie immer sehr kurzweilig zu lesen! :-) Wunderbare Bilder hast Du mitgebracht!!!
    Liebe Grüße Andrea