Dosenbier und Champagner – ein Sylt-Sommer

Dass sich mit Kindern Vieles im Leben ändert ist nichts Neues. Man tut Dinge, die man zuvor für unmöglich gehalten hätte – Urlaub auf Sylt zum Beispiel. Emma ist vor kurzem zwei Jahre alt geworden und hält nicht mehr so viel vom Schlafen im Auto. Wie praktisch, dass Sylt lediglich gut drei Stunden von unserem Heimatort entfernt liegt und eine schnelle Anreise beinahe garantiert ist.

 

Ach Sylt, unsere erste kurze Begegnung an einem Juli-Wochenende war zugegebenermaßen eher frostig. Schuld daran waren nicht etwa die Temperaturen, die hier auch im Sommer mal herbstlich anmuten können, nämlich dann wenn der kühle Nordwind über das Meer faucht und wie eine Ohrfeige auf die Insel trifft. Wir wurden an diesen zwei Tagen damals im Juli einander einfach nicht warm. Das liegt nun schon einige Jahre zurück und ich war bereit uns eine zweite Chance zu geben.

 

Ach Sylt, verzeih mir den Vergleich, aber genaugenommen bist du ein bisschen wie Mallorca. Im Sommer fallen die Touristen wie afrikanische Wanderheuschrecken in Scharen über dich her und im Winter lässt man dich links liegen. Du bist erst auf den zweiten Blick so wirklich schön, denn der erste Blick fällt bei der Ankunft in Westerland auf die Bausünden der 70er Jahre, die den Plattenbausiedlungen ostdeutscher Provinzstädtchen ähneln. Auch die unzähligen ausladenden Parkplatzflächen, die den überdimensionalen Supermarkt-Parkplätzen Nordamerikas in nichts nachstehen, machen deinen Reiz nicht aus. Auch sind es nicht die klotzigen Kampener Hotels der Kurhausstraße, die aus der Ferne an Weltkriegsbunker erinnern oder die charakterlosen Ferienhaussiedlungen vom Reißbrett. Erst der zweite Blick entlockt deine Reize, wie die einmalig gewaltigen Dünenlandschaften, die endlosen feinsandigen Strände, die pittoresken Ortskerne deiner Dörfer, die beinahe sentimentalen Leuchttürme oder die noch wenigen verbliebenen Wäldchen, die einem Märchen entsprungen sein könnten. An deinen Stränden trinkt man Dosenbier und Champagner, denn wie Mallorca bist auch du ein Anziehungspunkt für die Luxusverwöhnten und all diejenigen, die schnell mal dem Alltag entfliehen wollen ohne dabei in einem deiner Fünf-Sterne-Resorts abzusteigen.

 

Welcher Eindruck überwiegt nun aber mehr? Damals war es der erste Blick, über den ich nicht hinauskam. Wird sich dies ändern wenn wir uns einfach ein wenig mehr Zeit geben? Wir werden es sehen.

Der Autozug rattert über den 1927 eröffneten Hindenburgdamm, der die Insel wie mit einer Nabelschnur auf einer Strecke von gut 11 Kilometern mit dem Festland verbindet. Die Fahrtzeit des Sylt-Shuttles von Niebüll bis Westerland beträgt entspannte 45 Minuten und bietet einen endlosen Blick über die im Sonnenlicht schimmernden Wattflächen entlang des Damms. Für viele Regionen Deutschlands wurde für heute der heißeste Tag des Jahres angekündigt und wir sind dankbar über das schattige Plätzchen in der unteren Ebene des Autozugs. Na immerhin gute Voraussetzungen für einen wärmeren Empfang als beim ersten Besuch.

 

Wer, so wie wir, eine Unterkunft in Wenningstedt gebucht hat, dem wird bewusst, dass die jährlich durchschnittlich etwa 550.000 Übernachtungsgäste nicht ausschließlich durch die Nabelschnur auf die Insel strömen. Fortwährend setzen einmotorige Propellerflugzeuge bis hin zu zweistrahligen Airbus A320 Fliegern dröhnend über Wenningstedt zum Landeanflug an und verleihen der Insel somit den Charakter einer Weltmetropole. Mit diesen ersten Eindrücken auf der Terrasse unserer Mietunterkunft wirst du es nicht leicht haben Sylt! Keine Frage: auf der Attraktivitätsskala liegt Wenningstedt weit hinter den pittoresken Inselschönheiten Keitum und Kampen mit ihren idyllischen Ortskernen und traditionellen Friesenhäusern. Der Ort avancierte schon früh zu einem Urlaubsdomizil und wuchs somit über den einstmals kleinen Ortskern am Dorfteich hinaus. Der im Zuge des Tourismusbooms herangewachsene Ort, mit dem am Reißbrett entstandenen aufgeräumt und eintönig verlaufendem Straßensystem, ist von schlichten Ziegelbauten aus den 60er Jahren, lieblosen Appartementhäusern aus den 80er Jahren und von schicken, modernen Friesenhäusern geprägt.

Dennoch hat Wenningstedt seinen Besuchern neben Einflugschneise, Feinkost Meyer und elegant nostalgischer Eintönigkeit einiges mehr zu bieten. Die Lage zum Beispiel. Direkt in unmittelbarer Nähe zu Westerland gelegen, befindet sich der Ort quasi zentral in der lebendigen Inselmitte. Und, egal wo man in Wenningstedt unterkommt, man wird es nicht weit zum Meer haben. So habe selbst ich mich - trotz meiner üblichen Urlaubsstarre - zu kurzen Strandbesuchen mit Emma und Natalie hinreißen lassen, vorausgesetzt der Weg führte am Eis-Stand vorbei. Für die Erhöhung der Attraktivität sorgt auch die neu gestaltete Promenade mit der monumentalen Holztreppe hinunter zum Strand und dem modernen 2015 eröffneten Kurzentrum. Ein Areal, das dazu einlädt den Sonnenuntergang über dem Meer mit einem Getränk in der Hand zu bestaunen. Da in der Regel ein Drittel der Besucher Wenningstedts diese Idee hat, wird man nur schwer einen der beliebten Plätze in den öffentlichen Strandkörben ergattern. Der Anlaufpunkt Nummer 1 auf der Promenade ist das ebenfalls neu gestalte Gosch Restaurant, dessen Dach einer sanft geschwungenen Dünenlandschaft nachempfunden sein soll. Das hektische Treiben am Restaurant beobachtet sich am besten entspannt aus einiger Entfernung, da man ansonsten Gefahr läuft, von den eifrigen Servicekräften des Restaurants überrannt zu werden. Selbstverständlich hat auch Wenningstedt seine attraktiven Seiten – sei es der Dorfteich mit seinem näheren Umfeld oder der Strandübergang auf einem der typischen Holzstege durch die Dünenlandschaft, die auf der gesamten Insel zu finden sind. Es braucht ein paar Tage diesen sehr gut besuchten Ort schätzen zu lernen, der sich dabei als besonders familienfreundlich erweist.

Trotz meiner Voreingenommenheit ließ das Kribbeln in meinen Fingern nicht lange auf sich warten. Das Kribbeln, das immer dann einsetzt, wenn mich meine Leidenschaft für das Fotografieren packt. Kurz vor Sonnenaufgang rumpelt mein Auto über die schmale Betonpiste, die über den Ellenbogen, dem nördlichsten Teil der Insel, führt. So früh am Morgen ist hier draußen, selbst zur Hauptsaison, weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Fast könnte ich die Idylle genießen, wäre da nicht mein viel zu schwerer Fotorucksack und die mangelnde Fitness, die mich bei meiner Wanderung durch den tiefen, feinen Sand wie eine alte Dampflock schnaufen lassen. Hinzu kommt die von den Hüften herunterrutschende Hose, die ich krampfhaft mit einer Hand in Position zu halten versuche. Es ist nicht etwa so, dass ich abgenommen hätte, was nun zum Rutschen der Hose führt, es ist eher so, dass die Gürtelschnalle dem Druck des dahinterliegenden Energievorratsspeichers beim Bücken nicht standhalten konnte. Unter diesen Umständen können einfach keine guten Fotos gelingen. Viel zu sehr lenkt mich die in den Kniekehlen hängende Hose vom Fotografieren ab. Grimmig schnaufend stelle ich auf dem Rückweg zum Auto fest, dass nur Sylt an dieser Miesere Schuld sein könne. Na das geht ja gut los – wir scheinen einfach nicht füreinander geschaffen zu sein.

 

Zu einem späteren Zeitpunkt wage ich einen erneuten Anlauf. Zu sehr reizen mich die idyllisch gelegenen Leuchttürme „List West“ und „List Ost“. Außerdem mag ich die Ruhe hier draußen, selbst dann, wenn sich zahlreiche kleinere und größere Gefährte, vom Fahrrad bis zum Reisebus, die schmale Straße aneinander vorbei quetschen, denn hinter den Dünen verläuft es sich herrlich im weiträumigen Gelände. Als Fahrradfahrer hätte ich allerdings keinen Spaß auf der Betonpiste über den Ellenbogen zu radeln – zu nervenaufreibend wären die permanent in nur handbreitem Abstand vorbeibrausenden Fahrzeuge.

 

Einmal treibt es mich sogar des Nachts auf den Ellenbogen. Grund dafür ist die sichere Entfernung zur lichtverschmutzenden Zivilisation und damit der berauschende Blick auf die am finsteren Himmel funkelnde Milchstraße. Eigentlich plane ich mich auf einen der Wanderwege durch die Dünen zu begeben, um in völlig abgeschiedener Dunkelheit das Himmelsschauspiel zu bewundern und zu fotografieren. Eigentlich. Tatsächlich traue ich mich nicht, mich einen Meter von der Straße zu entfernen. Was ist, wenn in den Dünen ein Wolf oder gar ein verirrter FKK’ler auf mich lauert? Ich bevorzuge es direkt auf der Straße zu bleiben und von hier aus in aller Ruhe die Milchstraße zu fotografieren. Ich brauche Geduld, denn jeweils kurz vor Ablauf der 30-sekündigen Belichtungszeit taucht ein Auto auf der Piste auf und ich muss mich und meine Kamera mit einem beherzten Sprung in Sicherheit bringen. Was machen die alle nur hier draußen des Nachts – etwa FKK? Gut das ich auf der Straße geblieben bin. Am Ende des Tages werde ich mit ein paar beeindruckenden Aufnahmen der über Sylts Dünen spektakulär leuchtenden Milchstraße belohnt. Die Insel mag einer der wenigen Orte in Deutschland sein, an dem die Sterne zum Greifen nahe sind.

Kupferkanne! „In die Kupferkanne in Kampen müsst ihr unbedingt gehen“ – diese eindringliche Aufforderung hörten wir immer und immer wieder vor Reiseantritt. Und nun stehen wir mit unseren Fahrrädern vor dem beliebten Café und haben Mühe einen Stellplatz zu finden. Der von Autos und Fahrrädern überquellende Parkplatz scheint seiner Dimension nach eher zu einem Supermarkt als zu einem Café zu gehören. Bei so einem Besucheransturm scheint es schier unmöglich einen der begehrten Plätze in der parkähnlichen Anlage zu ergattern und ich spotte, einen Besen fressen zu wollen, sollten wir wiedererwarten doch einen Tisch bekommen. Zu unserer Überraschung müssen wir nicht lange nach einem gemütlichen Plätzchen suchen, um fündig zu werden. Der erste Eindruck, den das weitläufige Areal mit den verwinkelt und teils versteckt gelegenen Sitznischen bietet, ist allein schon eine Empfehlung wert. Wir bestellen zwei Stück Kuchen und für Emma eine Kugel Erdbeereis – erfreulicherweise gibt es heute keine Besen auf der Tageskarte. Kurze Zeit später erhalten wir die beiden prächtigen Kuchenstücke und eine noch prächtigere Kugel hausgemachtes Erdbeereis. Beim Anblick von Emmas großer Eiskugel wird mir klar, dass ich trotz des durchaus appetitlich aussehenden Kuchens, die falsche Wahl getroffen habe und versuche eine strategische List. „Emma magst du mal Papas leckeren Apfelkuchen probieren. Mmh, mit Sahne!“. Was vor zwei Monaten noch mit hundertprozentiger Sicherheit funktioniert hätte, wird jetzt mit einem abwehrenden „Nein Papa, nich wegnehmen“ quittiert. Mir bleibt nur zu hoffen, dass Emma das Interesse an ihrer Eiskugel noch vor dem restlosen Verzehr verliert und mir somit zumindest eine kleine Kostprobe bleibt. Neben der idyllischen Gartenanlage ist auch ein Besuch des Caféhauses, das ursprünglich mal ein Bunker war, empfehlenswert. Staunend irre ich durch die vielen verwinkelten Gänge und werde an irgendeiner Seite des Hauses wieder ausgespuckt. Ich hätte schwören können, dass mir Harry Potter verschmitzt lächelnd in einem der Gänge entgegenkam. Bei einem weiteren Besuch bestellen wir ein Stück Kuchen und zwei Kugeln hausgemachtes Erdbeereis, die uns von Rubeus Hagrid serviert werden.

 

Ach würde ich doch nur leidenschaftlich gerne Fahrrad fahren, ich bin mir sicher Sylt, wir würden uns ein Stück näher kommen. Stattdessen strampele ich gegen die steife Brise an und verfluche dich und deine eintausend Fahrradverleihstationen. Emma hat’s gut, sie sitzt im gemieteten Fahrradanhänger und zitiert Pixibücher während mir der Schweiß wie glühende Lava aus den Poren schießt. Gut 200 Kilometer Radwege sollst du haben - ich werde es nicht nachprüfen. Mit krauser Stirn und grimmigem Blick strampele ich der Sonne entgegen und tue meinen beiden Frauen zu liebe so, als hätte ich auch noch Spaß daran. Nun gut, zugegeben, die Fahrradwege durch die beeindruckenden Dünenlandschaften fernab der Hauptverkehrsstraßen haben auch mir den ein oder anderen Seufzer entlockt. Mit dem Rad kommt man durch Landschaften und an Orte, die einem als Autofahrer verwehrt bleiben. Das hat auch sein Gutes – zum einen zieht es weniger Menschen dorthin und zum anderen genießt es sich dort viel besser ohne Autolärm und Alltagshektik.

Der erste Halt des Sylt-Shuttles nach Überquerung des Hindenburgdamms ist in Morsum. Bahnstationen wurden offensichtlich nicht dazu geschaffen Schönheitspreise einzufahren. Ihr eigentlicher Zweck besteht darin Züge einfahren zu lassen und ganz nebenbei Touristen und Güter auf die Insel zu befördern. Beim trostlosen Anblick der Haltestelle fleht man innerlich förmlich um eine zügige Weiterfahrt – warum also sollte es einen nach Morsum ziehen. Die wenigsten Sylt-Touristen werden von Morsum je mehr sehen als die Bahnstation. Der kleine verschlafene Ort an der Wattseite der Insel ist für das seit 1923 unter Naturschutz stehende Morsum-Kliff bekannt. Ein teilweise ausgebauter Wanderpfad führt zu einem Aussichtspunkt oberhalb des Kliffs und weiter zum Fuße des Kliffs. Mir gefallen die Ruhe und die Landschaft hier so gut, dass es mich zwei Mal an das Kliff zieht. Von unzähligen blutrünstigen Mücken umschwärmt, trotte ich im dämmernden Abendlicht am Fuße des Kliffs entlang und genieße das intensive Farbschauspiel, welches durch das warme Sonnenlicht auf den Kliffwänden hervorgerufen wird. Selbst die juckenden, Handteller großen Mückenstiche an meinen Beinen leuchten herrlich rot im Sonnenlicht, so dass sie fast schon romantisch anmuten. Sylt, ich glaub ich mag dich ein wenig – obwohl, dass mit den Mücken nehme ich dir übel.

War das Gosch-Fischbrötchen noch eine einzige kulinarische Entgleisung, wünsche ich mir jetzt mit jedem Bissen, dass der Genuss nie vergehen würde. Der eher unscheinbare Laden von Fisch Matthiesen in Hörnum scheint noch etwas von Fisch zu verstehen. Dafür soll Gosch heutzutage ja gut in Gummistiefel sein – die Zeiten ändern sich. Das an der Südspitze Sylts gelegene Dorf Hörnum präsentiert sich angenehm unaufgeregt mit einem Fischereihafen, einem verwunschenen Wäldchen, einem West- und einem Oststrand, der windumtosten Odde im Süden, einem Leuchtturm und eben Fisch Matthiesen. Vom Hafen aus wandern wir die Strandpromenade des Oststrands entlang und verschwinden schon bald in dem kleinen Wäldchen hinterm Leuchtturm. Auf der anderen Seite stolpern wir wieder aus dem Dickicht hinaus in das grelle Tageslicht und setzen unsere Wanderung in Richtung Westrand fort. Auf einer gähnend langen und schmalen Asphaltpiste summen die Reifen von Emmas Kinderwagen eintönig im Gleichklang mit den fleißigen Bienen, die den Nektar der Brombeerhecken am Wegesrand abernten. Am Horizont können wie bereits das im Sonnelicht schimmernde Meer wahrnehmen. Es muss reiner Zufall sein, dass sich just in diesem Moment der Himmel verdunkelt und einen Gewitterregen ankündigt. Wir schaffen es noch rechtzeitig zurück zum Auto ohne Hörnums Weststrand je betreten zu haben. Was den Zufall mit der plötzlichen Verdunkelung des Himmels angeht, beschleicht mich der Verdacht, dass Sylt sich insgeheim ins Fäustchen lacht. Ich nehme dir diesen kleinen Scherz nicht übel Sylt – irgendwie gehört genau das dazu und so langsam finde ich Gefallen daran.

Die Gelassenheit der Inselbewohner lernen wir vor den verschlossenen Türen des Insel-Tierparks kennen. Wir sind die einzigen Besucher, die Punkt 10:00 Uhr vor der noch verschlossenen Eingangstür stehen. Hin und hergerissen, ob wir wieder fahren oder noch abwarten sollen, üben wir uns in friesischer Gemütlichkeit und werden nach gut 15 Minuten mit sich öffnenden Pforten belohnt. Emma ist hin und weg von den Tauben, die gurrend über die Wege flattern und dabei hat der kleine aber feine Tierpark noch viel mehr zu bieten. Das weitläufige und parkähnlich angelegte Gelände wartet mit unzähligen Gehegen und einer erstaunlichen Artenvielfalt auf. Wir verbringen den Vormittag mit Tretboot fahren, Tiere anschauen, den nostalgischen Spielplatz erkunden und auf den weitverzweigten Wegen umherzuirren. Wer hätte das gedacht ein lohnenswerter Besuch und ein paar überraschende Sympathiepunkte für dich liebes Sylt.

In besonderer Erinnerung bleibt mir die Kampener Vogelkoje, die bereits 1767 für den Entenfang errichtet wurde. Die unzähligen Mückenstiche, die ich auf dem eigentlich beschaulichen Naturlehrpfad im Naturschutzgebiet gesammelt habe, werden mich noch Wochen beschäftigen. Einprägsamer kann Bildung auf einem Naturlehrpfad nicht sein. Emma hat glücklicherweise immer die richtige Lösung für derartige Probleme parat - „Papa Laster draufmachen“ und „Is aber nicht schlimm“ lassen die Welt gleich wieder viel besser aussehen. Aber auch ohne diese tröstenden Worte ist ein Besuch der Vogelkoje durchaus lohnenswert – vorausgesetzt man hat reichlich Mückencreme dabei.

Mehrfach hat es mich mit meiner Kamera an den Rantumer Strand gezogen, da ich diese alten fotogenen Holzbuhnen liebe, die bei Ebbe zum Vorschein kommen. So auch heute Abend. Den gesamten Tag über haben sich Regen und Sonne abgewechselt. Zwischen den Wetterwechseln erstrahlt die Landschaft in einem einmaligen Licht, wie es nur dann zu sehen ist, wenn sich die Sonne unter einer tiefschwarzen Unwetterwolke hervorzwängt. Gerade bin ich noch bei schönstem Wetter losgefahren und schon begleiten mich auf dem Fußmarsch zum Strand erste Regentropfen. Schnell nimmt der Regen zu und zwingt mich in einem Toilettenhäuschen Schutz zu suchen. Ich teile mir den Regenschutz mit einer Großfamilie Mücken und akzeptiere bereits nach wenigen Minuten, dass sie hier das alleinige Wohnrecht haben. Trotz des schlechten Wetters entschließe ich mich dazu, meinen Weg zum Strand fortzusetzen und werde dort halb durchgeweicht mit einem spektakulären Regenbogen belohnt. Und es kommt noch besser - ein nicht enden wollender Sonnenuntergang folgt dem Regenbogen auf dem Fuße. Fast eine Stunde lang kann ich diesem Himmelsspektakel beiwohnen. Sylt scheint mir ein Friedensangebot zu machen, welches ich dankend annehme.

 

Von nun an ziehe ich unvoreingenommen über die Insel und suche nicht nur nach den Fehlern, die man zugegebenermaßen an jedem noch so schönen Ort der Welt finden kann, wenn man nur lange genug danach sucht. Während wir hier im Abendlicht durch die Inselperle Keitum schlendern, grübele ich über Bausünden und intensivem Tourismus nach. Zwar hinterlässt der Tourismus seine Spuren, dennoch hat sich Sylt auch viel Gutes bewahrt und vielleicht auch nur wegen dem Tourismus bewahren können. Sylt ist eine Insel die für jeden offen ist und für jeden etwas zu bieten hat – von den Surfer-Shorts bis hin zum Ballkleid. Und während uns der warme Sommerwind um die Nasen schmeichelt und wir in die Sonne blinzeln, frage ich Natalie, ob wir im kommenden Jahr wieder nach Wenningstedt zurückkehren oder vielleicht einen anderen Ort auf der Insel ausprobieren wollen.


Kommentare: 6
  • #6

    Stefan Goroncy (Mittwoch, 12 April 2017 18:56)

    Hallo Oliver,
    kurz gesagt: Weltklasse, sensationell. Auf Sylt war ich auf meiner Hochzeitreise und dank deiner Bilder hätte ich Lust glatt noch einmal zu Heiraten. Über deine ausführliche Beschreibung zum Thema "rutschenden Hosen bei gleichzeitigen krampfartigen versuche die Hose in Position zu halten" musste ich herzhaft lachen. Habe ich es doch schon so oft am eigenem Leibe erlebt, wie es ist, die Position der Hose zu halten und die Fotoausrüstung mit dem Takt der Atmung in den Einklang zu bringen ohne dabei nicht einen Tourette-Anfall zu bekommen.
    An dem Meister will ich mich messen.
    Ein Schüler.
    Gruß
    Stefan

  • #5

    Jörn (Mittwoch, 30 November 2016 17:41)

    Hi Oliver,

    schöne Bilder, schöner Text! Mein fotografischer Favorit: Letzte Galerie: 2. Reihe, 3. Bild.

    Was Sylt betrifft: Ich mag diese Insel total gerne. Unser letzter Besuch galt auch Hörnum. Ist schon wieder viel zu lange her. Und Mallorca? Im Winter wunderschön zum Fotografieren!

  • #4

    Ernst (Dienstag, 22 November 2016 11:24)

    Hallo Olli hast du wieder ganz toll geschrieben, wie deine anderen Reiseberichte auch.
    Mach weiter so.

  • #3

    Christian Poellmann (Dienstag, 22 November 2016 09:52)

    Lesen UND Betrachten waren Balsam für meine syltliebende Seele! Danke

  • #2

    Christian Schulz (Dienstag, 22 November 2016 09:39)

    Sehr schön gezeichnetes Bild von Sylt.
    Und die Fotos sind der Hammer!

    Gruß
    Christian

  • #1

    Andrea (Dienstag, 22 November 2016 07:46)

    Lieber Olly, das scheint mir ja doch eine Liebeserklärung an Sylt zu sein! Ein toller, unterhaltsamer Reisebericht untermalt von wunderbaren Bildern!!! Die ein oder andere Szenerie kam mir sehr bekannt vor und passt durchaus auch zu anderen Urlaubsorten. :-)
    Viele Grüße Andrea