DER MIT DEM WOLF TANZT

Vor ein paar Monaten fiel mir Christo Foersters Buch "Mikroabenteuer" in die Hände und entfachte eine neue, alte Lust am Abenteuer in mir. Diese Lust am Abenteuer sollte mich auch auf unseren Familienurlaub nach Österreich in die Hochkönig-Region begleiten.

 

Eigentlich wollte ich eine Nacht auf dem 1.783 Meter messenden Hochkeil verbringen. Ich wollte am Abend hinaufwandern und auf dem Gipfel den Sonnenuntergang, den nächtlichen Sternenhimmel und den Sonnenaufgang fotografieren – eigentlich. Tatsächlich aber fehlte mir der Mut die Nacht ganz allein oben auf dem Berg zu verbringen.

 

Meine Fotoleidenschaft und die Aussicht auf ein Mikroabenteuer trieben mich stattdessen lediglich zum Sonnenaufgang auf den Hochkeil. Es war gegen 03:30 Uhr in der Früh als ich in absoluter Finsternis dem Gipfel entgegenstapfte. Nach gut 50 Minuten steilem Aufstieg lag das Plateau der Bergkuppe zu meinen Füßen und mich ergriff ein Gefühl von Stolz über die mutige, morgendliche Besteigung.

 

Auf den letzten Metern erblickte ich im Lichtkegel der Stirnlampe plötzlich zwei leuchtende Augen direkt unter dem Gipfelkreuz. Schlagartig meldete sich die Amygdala aus dem limbischen System und fror pflichtbewusst meinen Bewegungsapparat ein. Wie eine Figur aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett verharrte ich mit kreisenden Gedanken an Ort und Stelle. Könnte das ein Wolf sein? Ich habe noch nie von Wolfssichtungen in Österreich gehört oder gelesen – allerdings hat vermutlich auch noch kein Österreicher von Wolfssichtungen in der Lüneburger Heide gehört oder gelesen.

 

Nach einer kurzen Analyse des Gefahrenpotentials gab die Amygdala den Bewegungsapparat wieder frei. Mit verlangsamten Schritten näherte ich mich den leuchtenden Augen, die sich ganz sicher gleich abwenden und Reißaus nehmen würden. Taten sie aber nicht. Stattdessen schnellte das zu den Augen gehörende Ungetüm ein paar Meter auf mich zu und sendete ein markerschütterndes Gekläff in die Finsternis.

 

Die folgende Prozedur war mir bereits geläufig – Wachsfigur, kreisende Gedanken und nach einer Neubewertung der Gefahrensituation der Rückzug im Rückwärtsgang. Nach einigen Metern war augenscheinlich ein für das Ungetüm akzeptabler Sicherheitsabstand erreicht und das Gekläff verstummte. Fressen wollte es mich also offensichtlich nicht.

In der Zwischenzeit setzte beinahe unbemerkt der Tagesanbruch, mit rot leuchtenden Farben am Horizont, ein. Es zeichnete sich ein spektakulärer Sonnenaufgang ab, während ich noch immer mit schlotternden Knien mehrere Meter vom Gipfelkreuz entfernt verharrte. Die leuchtenden Augen des Kläffers nahmen im Morgenrot Gestalt an und erinnerten verdächtig an die Silhouette eines Schäferhundes. Während ich darüber nachdachte, was ein Schäferhund hier oben auf dem Gipfel zu suchen hat, vernahm ich ein nasales Grunzen, welches wiederrum verdächtig an eine schnarchende, männliche Person erinnerte. Der darauffolgende, umherschweifende Blick entlarvte wenige Augenblicke später zwei Hängematten zwischen den kleinwüchsigen Nadelbäumen am seichten Hang des Bergplateaus.

Diese Tatsache entspannte die Situation etwas und ich fasste neuen Mut, um meinen Fototrip fortzusetzen. Immerhin sollte mich der deutsche Schäferhund im Dämmerlicht des Tagesanbruchs nun auch als Landsmann identifizieren können. Sicherlich irritierte ihn in der Dunkelheit nur das Licht meiner Stirnlampe, welches auf ihn wie ein hyperaktives Glühwürmchen unter Drogeneinfluss gewirkt haben musste.

 

Ich unternahm einen erneuten Versuch an Kommissar Rex vorbeizuschleichen um zur gegenüberliegenden Seite des Bergplateaus zu gelangen. Von dort bot sich ein wunderbarer Blick ins Tal, hinter dem die Sonne in wenigen Augenblicken aufgehen würde. Diese idyllische Szenerie wollte ich unbedingt mit meiner Kamera festhalten. Rex saß brav im Gras unter dem Gipfelkreuz und schenkte mir keine weitere Beachtung – bis ich ungefähr auf seiner Höhe ankam und er mit einem Satz und lautem Gebell aufsprang und hinter mir her schoss. Ich nahm die Beine in die Hand und machte mich laut fluchend aus dem Staub. Nach einigen Metern ließ er wieder von mir ab und trottete zurück zum Gipfelkreuz. „Blödes Scheißvieh“ brüllte ich in die Morgenruhe, während von den Hängematten ein friedliches Schnarchen herübertönte.

Nachdem sich der Puls beruhigt hatte widmete ich mich dem Sonnenaufgang, der prächtiger nicht hätte sein können. Dummerweise musste ich auf meinem Rückweg wieder an dem Scheißvieh vorbei, welches sich offensichtlich schon auf mich freute. Unterdessen grunzte sein Herrchen weiterhin friedlich und verpasste dabei den spektakulären Tagesanbruch.

 

Ein schmaler Trampelpfad führte in großem Bogen durch ein Hochmoor am Gipfelkreuz vorbei. Diesen Pfad wählte ich nun für den Rückweg. Kommissar Rex beobachtete mein Treiben argwöhnisch aus der Ferne. Vermutlich aus Langeweile, sein Herrchen schlief nach wie vor, folgte er mir nun über diesen Pfad und ich nahm wieder die Beine in die Hand. Als ich endlich wieder den Hauptweg erreichte und Rex das Interesse an mir verlor, hatte ich innen wie außen nasse Wanderschuhe. Das war mir egal, denn ich hatte auch eine Speicherkarte voller idyllischer Fotos vom Sonnenaufgang auf dem Hochkeil und eine Geschichte zu erzählen.

IMPRESSIONEN HOCHKEIL & HOCHKÖNIG

Kommentare: 0