Tipps Waldfotografie - Fotografieren im Ilsetal

Das wildromantische Ilsetal, mit dem rauschenden Bergbach Ilse, zählt ganz sicher zu einer der schönsten Regionen im Harz. Die Gegend ist für Wanderer und Fotografen gleichermaßen reizvoll, da sie eine außergewöhnlich abwechslungsreiche Waldlandschaft im tiefen Schluchtental bietet. Das von Buchen und Eichen dominierte Tal besticht durch moosbedeckte Felsen, den brausenden Ilsefällen, einer einzigartigen Fauna mit Feuersalamandern und Luchsen, sowie mächtigen Klippen wie die Paternosterklippe, die Westerbergklippe und dem Ilsestein.

 

In einschlägigen Fotoforen, wie der Fotocommunity, stolperte ich immer wieder über beeindruckende Aufnahmen aus dem Ilsetal, so dass ich irgendwann nicht mehr wiederstehen konnte und mich an einem Juli-Wochenende mit Fotorucksack und Stativ auf dem bekannten Heinrich Heine Wanderweg wiederfand.

 

Bild-Daten:

Blende: f/14
Belichtungszeit: 2 Sekunden
Brennweite: 24 mm
ISO: 100
Equipment: Stativ
  Polfilter
  Grauverlaufsfilter 0.9 oben

Pfefferspray, Polfilter, Fusselrolle und Co.

Das Fotografieren im Wald zählt für mich aus vielerlei Sicht zur Königsdisziplin in der Landschaftsfotografie. Hat man es erst einmal gemeistert einen guten Bildaufbau im Wirrwarr des Unterholzes zu finden, dann können einem immer noch die vorherrschenden Lichtverhältnisse einen Strich durch die Rechnung machen – wie gut, dass man beides zu einem gewissen Grad beeinflussen kann. Schwieriger lässt sich da schon die dritte Komponente beherrschen – die Waldbewohner. Es ist zwar nicht so, dass ich etwas gegen Mücken, Zecken, Wölfe oder Bären habe – immerhin ist es ihr zu Hause und ich bin hier nur zu Gast – aber sobald ich auf ihrem Speiseplan lande, möchte ich doch ganz gerne ein Wörtchen mitreden dürfen. Seit ich vor einigen Jahren im Stechschritt, und mit Schweißperlen auf der Stirn, einen neugierigen Schwarzbären im Great Smoky Mountains Nationalpark abschütteln musste, bin ich mit hochwirksamem Pfefferspray ausgerüstet. Bisher musste ich das Spray glücklicherweise noch nicht einsetzen, was vermutlich auch daran liegt, dass in unseren Breiten eher selten Bären vorbeischauen. Und falls sich doch mal ein italienischer Provinzbär über die Grenze begibt und in Richtung Deutschland trottet, wird gleich eine Meute finnischer Bärenjäger eingeflogen. Gegen Mücken hilft bereits ein weniger aggressives Spray und gegen Zecken hat sich die herkömmliche Klebefusselrolle zum Absuchen der Kleidung bewährt. Was den Wolf angeht, muss man auch einfach mal auf sein Glück hoffen.

 

Neben Fusselrolle, Mücken- und Pfefferspray gehören zu den wirklich wichtigen Ausrüstungsgegenständen:

  • ein Stativ,
  • ein Polfilter,
  • gegebenenfalls Grauverlaufsfilter 0.6 oder 0.9 mit weichem Verlauf und
  • Objektive mit einem Brennweitenbereich, der idealerweise irgendwo zwischen 16mm und 100mm liegt.

Das Stativ

Der Einsatz eines Statives empfiehlt sich speziell für Langzeitbelichtungen von fließendem Wasser, was zu einem schönen weichen Effekt durch die Bewegungsunschärfe des Wassers führt. Darüber hinaus kann ein Stativ aber auch, durch die im Wald dunkleren Lichtverhältnisse und den damit länger werdenden Belichtungszeiten, erforderlich werden. In diesem Fall ist es unter Umständen nicht mehr möglich Freihand-Aufnahmen zu machen. Der Einsatz eines Statives erlaubt dann auch die Wahl eines niedrigen Isowertes, was sich positiv auf das Rauschverhalten auswirkt, und eines höheren Blendenwertes e.g. f/14 (eine mäßig geschlossene Blende) für eine hohe Schärfentiefe um möglichst viele Details, von nah bis fern, scharf abzubilden.

 

Bild-Daten:

Blende: f/14
Belichtungszeit: 1,6 Sekunden
Brennweite: 24 mm
ISO: 100
Equipment: Stativ
  Polfilter
  Grauverlaufsfilter 0.9 oben
Das Foto entstand nicht im Ilsetal und dient lediglich der Demonstration des Polfiltereffekts
Das Foto entstand nicht im Ilsetal und dient lediglich der Demonstration des Polfiltereffekts

Der Polfilter

Der Polfilter sorgt für satte Farben, da er die Reflektionen auf dem Laub der Pflanzen deutlich mindert und so das frische Grün oder farbige Herbstlaub des Waldes kräftig leuchten lässt. Da ein Polfilter das Objektiv zusätzlich abdunkelt und somit längere Belichtungszeiten erforderlich werden, ist der Einsatz des bereits genannten Statives umso wichtiger.

 

HINWEIS: Sollte kein Polfilter zur Verfügung stehen, kann der, durch den Filter erzeugte Effekt, mit satten Farben durch Reflektionsminderung bis zu einem gewissen Grad in Adobe Lightroom nachgestellt werden. Eine kleine Anleitung dazu findet sich am Ende des Beitrages. Der Einsatz eines Polfilters erzielt allerdings eine deutlich stärkere Wirkung.

Der Grauverlaufsfilter

Grundsätzlich dienen farbneutrale Grauverlaufsfilter zum Ausgleich eines großen Kontrastunterschieds zwischen Vorder- und Hintergrund. Ein großer Kontrastunterschied kann dazu führen, dass Bildbereiche entweder über- oder unterbelichtet sind. Im Wald herrschen in der Regel relativ ausgeglichene Lichtverhältnisse. Dies resultiert aus dem diffusen Licht, welches durch das Blätterdach einfällt – vorausgesetzt die grelle Mittagsonne fällt nicht senkrecht durch das Blätterdach ins Dunkel des Waldes. Dennoch können Grauverlaufsfilter, mit einem weichen Verlauf, hilfreich sein um eine gleichmäßige Ausleuchtung im Foto zu erzielen. Das Licht, welches von oben gerichtet in den Wald einfällt, führt in der Regel dazu, dass der obere Bildbereich heller erscheint als der untere. Die Farben im oberen Bereich wirken dadurch unter Umständen etwas flauer und die gesamte Szene kontrastärmer. Dies kann durch den Einsatz eines Filters entsprechend ausgeglichen werden.

 

HINWEIS: Auch hier kann der Kontrastausgleich im oberen Bildbereich sehr einfach in Lightroom mit dem Verlaufswerkzeug nachgestellt werden. Alternativ kann auch eine Belichtungsreihe, die später in Photoshop oder Lightroom zusammengeführt wird, den Grauverlaufsfilter ersetzen. Der Einsatz eines Grauverlaufsfilters ist also nicht zwingend erforderlich.

 

Bild-Daten:

Blende: f/11
Belichtungszeit: 1,6 Sekunden
Brennweite: 16 mm
ISO: 100
Equipment: Stativ
  Polfilter
  Grauverlaufsfilter 0.9 oben
 

Grauverlaufsfilter 0.6 unten

(zur Vermeidung einer Überstrahlung des weiß schäumenden Wassers)

 

Das Objektiv

Im Wald bieten sich Weitwinkel- genauso wie Zoomobjektive an. Es kann im Wald von Vorteil sein in die Szene hinein zu zoomen um störende Bildelemente auszublenden. Störend kann zum Beispiel auch der Himmel sein, der beim Einsatz eines starken Weitwinkelobjektives mit im Sichtfeld und so auf dem Foto sein würde. Der Himmel ist dann im Vergleich zum Wald deutlich heller und erzeugt somit einen, für die Kamera zu hohen, Kontrastunterschied. Dies führt unter Umständen dazu, dass der Wald viel zu dunkel oder der Himmel stark überbelichtet wird und so die Bildwirkung verloren geht. Zoomt man etwas in den Wald hinein wird der Himmel hingegen ausgeblendet. Das Hineinzoomen in den Wald führt aber auch dazu, dass die Bäume optisch dichter aneinanderrücken was eine sehr interessante Wirkung ergeben kann.

 

Dennoch haben auch Weitwinkelobjektive im Wald ihre Berechtigung. Mit einem Weitwinkelobjektiv senkrecht nach oben zu den Baumkronen fotografiert eröffnet eine völlig neue und ungewöhnliche Perspektive. Weitwinkelobjektive können auch sehr gut eingesetzt werden um einen Vordergrund wirksam in die Waldlandschaft einzubeziehen – es kann dabei ratsam sein, die Kamera leicht nach unten, in Richtung des Vordergrunds, zu neigen.

Das Chaos beherrschen

Der Bildaufbau ist in der Regel entscheidend für die Bildwirkung – entscheidet also darüber, ob ein Foto Top oder Flop ist. Ein gelungener Bildaufbau kann dem Bild Tiefe verleihen oder den Blick auf bestimmte Bildbereiche lenken und den Betrachter somit in das Foto „eintauchen“ lassen.

 

Was in der offenen Landschaft sehr gut funktioniert, wird im Wald, durch das für gewöhnlich vorherrschende Wirrwarr auf engstem Raum, zu einer echten Herausforderung. Es gilt mit Hilfe des Bildaufbaus Ordnung in ein Motiv aus umgefallenen Bäumen, verstreuten Gesteinsbrocken, wildem Pflanzenbewuchs, hervorstehenden Wurzeln und vielerlei anderer Objekte zu bringen.

Der Vordergrund

Ich spreche das folgende Sprichwort nur ungern aus aber seine Aussage steht über den Wohlklang: „Vordergrund macht Bild gesund“. Und tatsächlich - ein Objekt als Vordergrund oder auch mehrere hintereinander gestaffelte Objekte können dem Bild Tiefe verleihen. Der im Bild eingebaute Vordergrund, z.B. ein Felsbrocken oder eine markante Pflanze, sollte nicht formatfüllend sein, sondern nur einen kleinen bis mittleren Teil im vorderen Bildbereich einnehmen. Was hier in der Theorie beschrieben kompliziert klingt ist in der Praxis ausgesprochen leicht umzusetzen. Fotografieren ist einfach!

 

Bild-Daten:

Der Farn wurde im Vordergrund als Blickfang platziert. Vordergrund und Hintergrund erzeugen den Eindruck einer räumlichen Tiefe.

 

Blende: f/14
Belichtungszeit: 4 Sekunden
Brennweite: 24 mm
ISO: 100
Equipment: Stativ
  Polfilter
  Grauverlaufsfilter 0.9 oben
 

 

 

Die Linien

Eine weitere einfache Möglichkeit Tiefe und Harmonie zu erzeugen oder den Blick auf bestimmte Bildbereiche zu lenken sind Linien. Vertikale, horizontale und diagonale Linien finden sich überall in der Natur und ganz besonders im Wald. Einen Bachlauf oder einen Waldweg unten rechts und links in den Bildecken auslaufen lassen erzeugt zum Beispiel Tiefe – man wird regelrecht in das Bild hineingezogen. In eine Waldszene mit vielen astlosen geraden Baumstämmen hineinzoomen erzeugt „aufgeräumte“ vertikale Linien, die wiederrum für Harmonie sorgen. An einem umgefallen Baumstamm an dessen Ende ein markanter Felsbrocken liegt entlangfotografieren richtet den Blick auf eben diesen Felsbrocken.

 

Bild-Daten:

Im Beispielfoto läuft der Bach diagonal durch das Foto und in der unteren rechten Ecke aus dem Bild. Das Auge folgt dem Bachlauf ins Bild.

 

Blende: f/11
Belichtungszeit: 4 Sekunden
Brennweite: 24 mm
ISO: 100
Equipment: Stativ
  Polfilter
  Grauverlaufsfilter 0.9 oben

Der Größenvergleich

Wirklich imposante Wasserfälle mit hohen Fallhöhen, wie man sie zum Beispiel aus den Alpen kennt, wird man im Harz vergeblich suchen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Harzer Wasserfälle nicht weniger schön sind. Um dem Betrachter des Fotos ein Gefühl für die Dimensionen vor Ort zu geben, bietet sich ein Größenvergleich an - also das Einbeziehen eines Bezugsobjektes. Früher habe ich es aus Prinzip abgelehnt Personen in Landschaftsaufnahmen zu dulden. Heute sehe ich das anders und nutze Personen gerne als Bezugsobjekt zur Veranschaulichung von Dimensionen. Zur fotografischen Darstellung der Ausmaße der Ilsefälle könnte man also zum Beispiel eine Person am Motiv platzieren.

 

Bild-Daten

Blende: f/16
Belichtungszeit: 1,3 Sekunden
Brennweite: 32 mm
ISO: 100
Equipment: Stativ
  Polfilter
  Grauverlaufsfilter 0.9 oben
 

 

Der natürliche Rahmen

Eine ideale Möglichkeit den Blick des Betrachters auf ein spezielles Detail im Bild zu richten ist der Einsatz natürlicher Rahmen. Der natürliche Rahmen bietet sich auch an, um störende Elemente im Bild zu verdecken oder auszublenden. Ein natürlicher Rahmen kann zum Beispiel ein Blättervorhang mit einer Öffnung sein, durch die hindurch auf ein Objekt fokussiert wird.

 

Das Beispielfoto nutzt einen natürlichen Rahmen mit den beiden angeschnittenen Bäumen rechts und links im Bild, um den Blick den Weg entlang in den Buchenwald zu richten - der Blick zwängt sich durch die beiden Bäume hindurch.

 

[Das Foto wurde nicht im Ilsetal aufgenommen.]

Das Schärfespiel

Für all diejenigen, die etwas mehr mit der Technik ihrer Kamera vertraut sind und auch für diejenigen, die es vielleicht bisher noch nicht sind, gibt es noch eine weitere hervorragende Möglichkeit den Blick des Betrachters auf ein bestimmtes Detail im Bild zu richten - das Spiel mit der Schärfe. Das Öffnen der Objektivblende (kleinster Blendenwert z.B. f/2.8) im Kameramodus Blendenpriorität, oder auch als Zeitautomatik bezeichnet (Markierung Av oder A auf dem Wahlrad) führt zu einer geringen Schärfentiefe. Wird nun auf das Objekt fokussiert, auf welches der Blick gerichtet werden soll, so wird dieses Objekt scharf abgebildet während alles was sich außerhalb der Objektebene befindet – also alles was sich im Vordergrund und Hintergrund befindet – unscharf abgebildet wird. Der Effekt verstärkt sich beim Benutzen einer langen Brennweite – also beim Hineinzoomen in die Szene.

 

Mit dem Schärfespiel kann man auch die Bildharmonie erhöhen, da ein z.B. unruhiger Hintergrund durch die Unschärfe deutlich an Ruhe gewinnt.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Beherrsche ich nun das Chaos und bin zusätzlich auch noch mit einer Fusselrolle ausgerüstet, muss sich nur noch die richtige Zeit für ausdrucksstarke Aufnahmen finden. Aber welche ist die richtige Zeit um in den Wald zu gehen?

 

Man wird nichts falsch machen, wenn man morgens um den Sonnenaufgang herum und abends um den Sonnenuntergang herum zum Fotografieren in den Wald geht. Egal ob es bewölkt oder sonnig ist, man wird mit guten Aufnahmen nach Hause kommen.

 

Tagsüber sieht das schon anders aus. Erreicht die Sonne gegen Mittag ihren Höchststand und herrscht ein wolkenfreier Himmel vor, so dass die Sonne grell durch das Blätterdach glotzt, wird es für die Kamera schwierig mit den harten Kontrastunterschieden, der Lichter und Schatten, umzugehen. Das menschliche Auge verrichtet eine wahre Höchstleistung beim Ausgleich dieser Hell- und Dunkel-Kontraste, so dass wir in der Regel sowohl Strukturen in den Tiefen als auch in den Lichtern wahrnehmen können. Die Kamera ist dazu leider nicht in der Lage. Die Schwierigkeit im Wald ergibt sich durch das Zusammenspiel von unzähligen abwechselnden schattigen und sonnigen Stellen. Die Kamera ist damit überfordert und wird entweder die schattigen Stellen als schwarze strukturlose Flächen abbilden und lediglich die sonnigen Stellen korrekt belichtet darstellen oder umgekehrt, so dass sie sonnigen Stellen ohne jegliche Zeichnung "ausbrennen“ und die Schattigen stellen korrekt belichtet werden. Aus diesem Grund empfiehlt es sich tagsüber bei bedecktem Himmel im Wald zu fotografieren, da es hier nicht zu allzu starken Kontrastunterschieden kommt.

 

Begibt man sich am frühen Morgen in den Wald, wenn noch leichter Nebeldunst aufsteigt, kommt man unter Umständen in den Genuss den Tyndall-Effekt fotografieren zu können. Der Tyndall-Effekt ist die Streuung von Licht an kleinen Schwebeteilchen, so dass die Lichtstrahlen der Sonne sichtbar werden. Dies hat eine besonders idyllische Wirkung bei noch tief stehender Sonne und damit schräg einfallenden Sonnenstrahlen.


Kommentare: 1
  • #1

    Stefan Gorncy (Montag, 07 August 2017 12:54)

    Ein rundum perfekter Artikel, der jetzt zu meinen Favoriten gehört. Als Nachschlagewerk und Empfehlung für alle, die der Leidenschaft der Landschaftsfotografie nachgehen.
    Grandios, Vielen Dank.